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Literaturhinweise:

(*1) Publikationen: Stadt Kempen, Der Stadtdirektor, Kempen. Sanierung der Altstadt 1960 - 1990. Dokumentation, Kempen 1990. Kund und zu wissen... Kempen in alten Urkunden, S. 83, Weinforth, Campunni – KempenBd. 1, S. 428 f.

(*2) Weinforth, Campunni – Kempen Bd. 1, S. 58

Kempen in alten Ansichten – Teil IV
von Hans Kaiser

Abb. 5. E. Fey, Kempen um 1867

5. Auf der Schwelle zum Industriezeitalter.
5.1. Präzises Bild – unbekannter Künstler.
Diese Lithographie im Kempener Stadtarchiv wurde im Juni 1982 in einer Auflage von 1 000 Exemplaren von der Rheinischen Post aus Anlass eines Stadtfestes nachgedruckt. Sie zeigt Kempen um 1867 von Süden aus gesehen. Der Künstler war – laut Vermerk unter dem unteren Bildrand – ein gewisser E. Fey. Wer war das? Vielleicht weiß einer unserer Heimatfreunde die Antwort. (*1)

5.2. Zum Inhalt: Kempen im Umbruch der Zeiten.

Noch steht die Vorburg und schon arbeitet die erste dampfmaschinengetriebene Weberei. Der Ausbau des Hülser Weges (1835), des Mülhausener und Grefrather Weges (1841) haben das Bild und die Struktur der mittelalterlichen Stadt verändert. Trotz des Widerstandes verschiedener Interessengruppen wurden dabei Enger- und Ellentor abgerissen. Für die weitere Entwicklung war damit ein Wendepunkt gegeben.


Noch liegen Gärten anstelle der heutigen Ringstraßen. Wallmühle, Pfarrkirche, Fran­zis­ka­ner­kloster (Abb. oben) und Burg (Abb. links) bilden die Gipfel der Stadtsilhouette wie seit Jahrhunderten. An der rechten Kante der Stadt, im Kreu­zungs­bereich St. Töniser Straße und Hülser Weg, steht noch die mittelalterliche Windmühle aus Holz. Im Januar 1865 brannte sie ab. (*2)

Weiter rechts ist die Remise des Wohnhauses von Foerster zu erkennen, dann kommt das spätere Landratsamt, hier noch als sie­ben­ach­siges Gebäude.

Schräg gegenübersteht ein einzelnes Wohnhaus mit drei Fensterachsen, das heute nicht mehr genau identifiziert werden kann. Dann folgen wieder auf der gleichen Straßenseite wie das Landratsamt zwei Fabrikgebäude, bei denen es sich um die Herfeldtsche Zuckerrübenfabrik handelte.
Zwei Schornsteine symbolisieren hier den technischen Fortschritt, der mit der Installation von Dampfmaschinen Einzug gehalten hat. 1865 lief in Kempen übrigens nur eine Dampfmaschine mit 20 Pferdestärken...

6. Auf dem Sprung aus dem Rundling.

Kempen kurz nach 1870 zeigt dieses in Privatbesitz aufbewahrte Aquarell. Reich verziert präsentiert sich das Stadtbild, von Schutz- und Symbolfiguren umrahmt. Links Burg-Erbauer Friedrich von Saarwerden, dessen Doppelwappen (Abb. links) heute noch an der Landesburg prangt.

6. 1. Rätsel über Rätsel


Abb. 6. Hinkes, Die Stadt von Norden zwischen 1870 und 1876
Als Künstler ist ein gewisser M. Hinkes aus Kessel genannt. Auch ihn können wir noch nicht einordnen. Eine Anfrage an das Rijksarchief Limburg 1997 brachte keine Auskunft. Auffallend: Das Lehrerseminar (es war von 1840 bis 1910 im Franziskanerkloster untergebracht) kommt groß 'raus. War der Künstler dort im Lehramt?
Überhaupt gibt diese Stadtsilhouette Rätsel auf. Der Künstler verwendet eine sehr eigenwillige Ikonographie (s. etwa die androgyne Gestalt in der Mitte der unteren Bildhälfte). Die beigezeichneten Attribute sind zumindest ungewöhnlich.

6.2. Kempen vor dem Umbruch

Putzig, wie die Stadt damals aussah. Sie zeigt sich genau von Norden – der Künstler muss seinen Standort etwa an der heutigen Kleinbahnstraße gehabt haben. Links erhebt sich die Burg, nach dem Brand von 1851 wieder aufgebaut und nun (seit 1863) Heimstätte des Thomaeums. An der Stelle der heutigen Parkanlage, des „Wällchens“, steht die Bepflanzung des alten Burggartens, Obstbäume zumeist. Ein Palisadenzaun umgibt das Areal. Dahinter blicken wir auf das Franzis­kaner­kloster, an das sich rechts die niedrige städtische Schutzmauer anschließt, Nachfahre des 1773 abgerissenen mittel­alterlichen Steinwalls. Abschluss ganz rechts ist das alte Kuhtor (Abb. links) mit seinem bescheidenen Zeltdach. Erst ab 1895 wird es seine heutige Gestalt mit Türmchen und Erkern bekommen.
Was spielt sich damals hinter den Mauern der kleinen Stadt ab? Kempen steht vor der Industrialisierung, traut sich aber noch nicht so recht. Die Voraussetzung ist da: Die Eisenbahnlinie. 1862 ist unter Böllerschüssen der erste Zug im neuen Bahnhof eingelaufen, und die Kreisstadt ist Knotenpunkt, hat Personen- und Güterverkehr wie kein anderer Ort zwischen Krefeld und Kleve. Aber erst 1870 wird mit der Thomasstraße die direkte Verbindung zwischen der Stadt und ihrer Eisenbahn geschaffen.
Und als die Bahndirektion erwägt, im Ort eine große Werkstätte zu errichten, zeigt sich, wie tief man noch den alten Zeiten verhaftet ist. Einige Stadtväter – und, wie erzählt wird, auch der Pastor – befürchten schlimme Auswirkungen auf die Sittsamkeit der Kempener Jungfrauen und die Moral der Bevölkerung überhaupt. So kommt der Betrieb nach Krefeld-Oppum, und da ist er noch heute.
Erst einige Jahre nach der Entstehung unseres Bildes setzt die Ansiedlung größerer Un­ter­neh­men Signale: 1880 die Weberei Schiller-Crous an der neuen Verbindungsstraße, 1901 die württembergische Eisenmöbelfabrik Arnold (Abb. zuvor) an der Bahnlinie.

6.3. Zur Datierung
Das prächtige Stadtporträt muss zwischen 1870 und 1876 gefertigt worden sein. Es zeigt nämlich nicht mehr die Stallungen und Scheunen der Vorburg, die 1870 im Zusammenhang mit der Anlage der Thomasstraße abgerissen wurden. Mit dem Abbruch, dem auch das Burgtor anheimfiel, wollte man einen freien Blick von der Stadt auf das größte Kempener Baudenkmal gewinnen. Andererseits ist von den Baumpflanzungen der Grüngürtel-Promenade, mit denen 1876 unter Bürgermeister Mooren begonnen wurde, noch nichts zu sehen.


Die offizielle Website der Stadt Kempen finden Sie HIER!
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