-Tu Huus |-Jjudden Daag |-Quasselbude |-Anno Driet in de Pief |-Dat ha'm woer jeer |-Die Lue von Min Kempe


Auf den Spuren des jüdischen Lebens in Kempen
von Dr. Hans Kaiser
12 Stationen eines Stadtrundgangs
1. Brücke vor der Burg: Das Pogrom v. 1288
2. Von der Burg zur Alten Schulstraße
3. Von der Alten Schulstraße auf die
Judenstraße und zu deren Straßenschild
4. Gedenktafel am Rathaus
5. St. Martins-Denkmal auf dem Buttermarkt
6. Haus Niermann (Buttermarkt 2)
7. Haus Umstr. 8
8. Ehemaliges Haus von
Linchen Winter (Umstr. 12)
9. Gedächtnisstele an der Umstraße
10. Kolpinghaus: Ehemalige
Metzgerei Hirsch
11. Café Amberg/Ecke
Vorster Straße - Ring
12. Auf dem Judenfriedhof
1. Grab: Salomon Kounen
2. Grab: Isaak Kounen
3. Grab: Nathan Lambertz
4. Grab: Emil Winter
5. Grab: Carola und Siegmund Winter
6. Grab: Kurt Mendel

1. Brücke vor der Burg: Das Pogrom von 1288
(fand wahrscheinlich hier vor der heutigen Burg statt, wo damals der Herrenhof des Erzbischofs von Köln lag.)

Kempen, 2010 (HaKa) Bereits im Mittelalter hat es in Kempen eine umfangreiche jüdische Gemeinde gegeben. Aber ihr wurde übel mitgespielt. Im Sommer 1288 erlitt sie ein Pogrom, bei dem zwölf erwachsene Juden und mehrere Kinder umkamen, mindestens einer auf dem Scheiterhaufen. Es ist anzunehmen, dass die als Hinrichtung deklarierten Ermordungen vor dem Fronhof des Erzbischofs stattfanden, weil sich hier auch das älteste Gericht des Kempener Landes versammelt haben muss.
Der Grund: Man sagte den Juden nach, sie würden zur Vorbereitung des Pessachfestes, das den Auszug aus Ägypten begeht und bei dem der Jude nichts Gesäuertes im Haus haben darf, Chris­ten­kin­der töten, um mit deren Blut das ungesäuerte Pessachbrot zuzubereiten. Dieses Kempener Pogrom steht im Zusam­men­hang mit Aus­schrei­tungen, die sich zu jener Zeit auch in anderen Städten vornehmlich am südlichen Nie­der­rhein abspielten; überliefert sind 428 getötete Juden in 19 Orten. Ihren Ausgang hatte die Ver­fol­gungs­welle ein Jahr zuvor im mittel­rhei­nischen Oberwesel nördlich von Bacharach genommen. Dort wurden Juden beschuldigt, am Karfreitag einen Ritualmord an einem Chris­ten­jungen begangen zu haben. Hintergrund war wohl die Absicht, durch die Schaffung eines Märtyrerkults die Bedeutung des Nachbarortes Bacharach, wo man die Leiche des ermordeten Werner gefunden hatte, als Wallfahrtsstätte zu steigern.
Die hohe Zahl der Opfer in dem kleinen Ort deutet auf das Einverständnis, vielleicht sogar auf die Mitwirkung seines örtlichen Machthabers hin, des erstmals 1264 erwähnten, landesherrlichen Amtmanns, der in erzbischöflichem Auftrag die Rechtspflege im Kempener Land leitete. Nur der Inhaber der lokalen Gewalt hatte damals in Kempen die Mittel, an die 20 Gefangene zu verwahren, zu bewachen und verhören zu lassen und für ihre Hinrichtung die bäuerlichen Honschaftsgemeinden anzuweisen, Holz für einen (oder gar meh­rere?) Schei­ter­hau­fen herbei­zu­schaf­fen. Wenige Jahre nach der Kol­lek­tiv­hin­rich­tung - aus heutiger Sicht eine Mordaktion - erhielt das aufstrebende Kempen im Jahre 1294 die Stadtrechte.


2. Von der Burg zur Alten Schulstraße

Das Pogrom von 1288 war das Ende der ältesten Judengemeinde Kempens, über die wir Genaueres nichts wissen. Sie muss einen vergleichsweise großen Umfang gehabt haben; das zeigt schon die Anzahl der im Pogrom von 1288 getöteten Menschen. Ihre Gemeindeorganisation muss relativ weit fortgeschritten sein; das zeigt in der Liste der Opfer die Aufführung eines Gesetzesrollenschreibers. Sie kann nicht un­vermö­gend gewesen sein, denn der Unterhalt eines solchen Schreibers und der seiner Familie verlangte einen gewissen finanziellen Aufwand. Wohnten mehr als zehn Männer, die das 13. Lebensjahr vollendet hatten, in einem Ort, waren sie nach jüdischem Gesetz verpflichtet, eine Betstube einzurichten, eine „Judenschule“ (Jidde­schol auf Kempener Platt). Daher haben die Kempener Stadtarchivare Gottfried Klinkenberg und in seiner Nachfolge Jakob Hermes den Namen „Alte Schulstraße“ von einer jüdischen Kultstätte abgeleitet, da an dieser Straße niemals eine wirkliche Schule gelegen habe. War die heutige Alte Schulstraße also die Wohngasse der Kempener Juden im Mittelalter? Dafür spricht, dass eine so schmale Gasse in Zeiten der Gefahr schnell zu verbarrikadieren war.
Aber bald siedelten sich in Kempen wieder Juden an; das besagen Nachrichten aus dem 14. Jahrhundert.


3. Von der Alten Schulstraße auf die Judenstraße und zu deren Straßenschild an der Ecke zum Buttermarkt

Damals muss im Ort besonderer Finanzbedarf geherrscht haben: Neue Häuser wurden gebaut, eine Befestigung sollte das expandierende Gemeinwesen schützen. Da war es wichtig, jederzeit über flüssiges Kapital zu verfügen. Bei der Entwicklung der jungen Stadt haben die Kempener Juden als Kreditgeber sicherlich eine besondere Rolle gespielt. 1347 bestätigt eine Urkunde, dass sie in Kempen tatsächlich als Geldverleiher auftraten. Aber das war nichts Besonderes.
Ein anderer Lebensunterhalt als Geld gegen Zinsen zu verleihen blieb den Juden damals kaum übrig, und vielerorts durften sie sich sogar nur unter der Auflage, Geld zu verleihen, nie­der­lassen: 1215 hatte das 4. Lateran­konzil sie von allen hand­werk­li­chen Beru­fen aus­ge­schlos­sen, auch Acker­bau und Handel wurden ihnen nun ver­boten; ande­rer­seits bestand für die Chris­ten im Zuge der Kirchen­reform bis 1435 ein Zins­verbot. Das Kredit­geschäft wurde den Juden zur Nische. Das wiederum verstärkte die Ab­nei­gung gegen sie. Gläubiger waren zu allen Zeiten unbeliebt; im intoleranten Mittelalter, das Fremd­ar­ti­ges ablehnte, zogen Juden als Pfand­leiher regel­rechten Hass auf sich. In Kempen scheint es erneut zu gewaltsamen Juden­verfol­gungen gekommen zu sein. 1347 ist von der Flucht von Juden aus Kempen die Rede, und aus einer Urkunde von 1350 könnten Hinweise auf ein Pogrom abzulesen sein, dem Kem­pener Juden zum Opfer fielen, bei denen wiede­rum christliche Kem­pener verschul­det waren. Aber diese Nach­richten sind vage und ungenau.
Hintergrund ist wohl, dass zu dieser Zeit die Pest im Rheinland wütete. Von Asien aus nach Norden vordringend, erreichte sie im Dezember 1349 Köln. Da man die medizinischen Zusammenhänge nicht durchschaute, suchte man Sündenböcke - und fand sie in den verhassten Juden; sie hätten zur Ermordung der Christen die Brunnen vergiftet, hieß es, und so die Seuche verursacht. Diese Verschwörungstheorie verbreitete sich schneller als die Epidemie selbst und wurde zum Vorwand, damit sich Sozialneid, wirtschaftliche Probleme, aber auch innerstädtische Konflikte auf dem Rücken der Minderheit entluden. Fast in allen rheinischen Städten brachen Pogrome aus. Für Kempen sind zwar keine überliefert, aber das kann Zufall sein. Auch hier mag es zu Gewalttätigkeiten gekommen sein, wie sie für die Nachbarschaft bezeugt sind: Von August auf September 1349 laufen jedenfalls in Neuss, Dormagen und Grevenbroich Judenverfolgungen ab. In Kempen wird sich die schon vorhandene Abneigung zwischen Christen und Juden zumindest zu Feindschaft gesteigert haben.
Diese und andere Verfolgungen führten dazu, dass die Juden im späten 14. Jahrhundert Kempen verließen. Nach 1385 sind jedenfalls keine Nachrichten mehr über sie zu finden. In Kempen bleibt nur ein Name zurück: die Judenstraße. Er deutet an, wo die Vertriebenen ihre Läden und Wechselstuben hatten. Jahrhunderte lang ist es nun den Juden verboten, sich in Kempen niederzulassen. Die genaue Begründung kennen wir nicht.
Das Haus Schulstr. 10 (Foto) ist zum Ort des tragischen Selbstmords eines Juden vor seiner Deportation geworden. Im Herbst 1939 hatte man die Juden aus Kempen und Oedt in bestimmten „Judenhäusern“ zu­sam­men­ge­pfercht:
Engerstr. 38, Umstr. 8, Alte Schulstr. 10, Josefstr. 5, das dem Viehhändler Sieg­mund Winter gehört, und Josefstr. 7.
Der Kempener Viehhändler Leo Gold­schmidt, geboren am 9. August 1897 als Sohn des Viehhändlers Abraham Goldschmidt in Oedt, ist mit den in Kempen lebenden Eltern in das Juden­haus Schulstr. 10 verbracht worden - wie auch seine Tante Rosa Gold­schmidt, die nach dem Tode ihres Bruders Leo (7. Juli 1936) die letzte noch in Oedt lebende Jüdin war. Vier Tage vor dem Abtransport - am 6. Dezember 1941 - hat der unver­hei­rate­te Mann im Hause Schulstr. 10 Selbst­mord begangen. Leo Gold­schmidt wollte lieber sterben als deportiert werden, denn er wusste aus eigenem Erleben, was auf die Juden zukommen würde: Nach der Kris­tall­nacht war er verhaftet worden und hatte einige Zeit im Kon­zen­tra­tions­lag­er Dachau verbracht. Aber über seine Erlebnisse dort hat er nie sprechen wollen.


4. Gedenktafel am Rathaus

Die Gedenkstele an der Umstraße ist erst 1982 aufgestellt worden - 37 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches. Vorangegangen war im Stadtrat eine fünfjährige, oft unwürdige Debatte, in der man hauptsächlich nach der kostengünstigsten Lösung suchte und offensichtlich auf Un­auf­fäl­lig­keit bedacht war. Was dann herauskam, lässt zu wünschen übrig: Die Stele zeigt ein falsches Datum für den Kempener Pogrom und nur einen kleinen Teil der Namen der Opfer.

Am 27. Januar 2004, dem Holocaust-Gedenktag, wurde im Zentrum der Stadt, am Rathausturm, eine schmale Gedenktafel eingeweiht, die in vertiefter Schrift die Namen der Opfer zeigt. Diesmal war man professioneller vorgegangen und hatte zum Abgleich die Namen an die israelische Gedenkstätte Yad Vashem weitergeleitet. Die neue Stele (Foto) hat der Kempener Steinmetz Manfred Messing geschaffen. Vorbild war eine ähnliche Tafel am Rathaus der Stadt Osnabrück, die der Kempener CDU-Fraktion 2002 bei einer Be­sich­ti­gungs­fahrt nachahmenswert erschien. Die CDU-Parlamentarier brachten die Idee nach Kempen.

Diese Tafel führt uns die Namen der Kempener Holocaust-Opfer vor Augen.
Der erste Transport, der Kempener Juden wegbringen wird, soll am 12. Dezember 1941 von Düsseldorf aus nach Riga in den besetzten Teil der Sowjetunion abgehen. Er nimmt den größten Teil der Juden aus dem Kreisgebiet mit, darunter acht aus Kempen und drei aus St. Hubert. In der Hauptsache sollen jüngere und mittlere Jahrgänge mitgehen - Menschen, deren Arbeitskraft im Osten eingesetzt werden kann. Für Riga ist bereits beabsichtigt, die nicht mehr arbeitsfähigen Juden in Lastwagen, deren Auspuffschläuche in den Laderaum reichen, zu vergasen.

Am späten Abend des 10. Dezember 1941 werden die Menschen von der Kempener Polizei in die städtische Badeanstalt (Foto: Hohenzollernbad, 1974 abgebrochen. Hier "durften" die Juden der ersten Deportation die Nacht auf den Fliesen des Foyers verbringen) gebracht - das 1974 ab­ge­bro­chene Ho­hen­zol­lern­bad, das an der Einmündung der heutigen Orsay-Straße lag. Dort werden sie auf Vollzähligkeit überprüft und instruiert. Am Morgen des 11. Dezember zieht die kleine Gruppe, von Ortspolizei eskortiert, vom Ho­hen­zol­lern­bad zum Bahnhof und wird in einen Güterwagen der Krefelder Industriebahn verladen, die heute noch als Schluff Ausflüge vom Krefelder Nordbahnhof nach Hüls unternimmt.

Nach der Ankunft werden die Juden in den Häusern des Ghettos von Riga zusammengepfercht- durchschnittlich mit 16 - 18 Leuten in einem Raum. Die Männer werden kurz darauf in einen Wald in der Nähe getrieben, um dort beim Bau eines KZs zu helfen. Die Arbeit im eiskalten Winter ist mörderisch, die Verpflegung erbärmlich. Als Folge der Entbehrungen erkranken viele, darunter Rudolf Bruch aus Kempen, Vorster Str. 2. Der 42jährige hat sich von den Strapazen der Haft in Dachau nach der Kristallnacht nie erholt; er ist früh gealtert. Er stirbt an Typhus. Zwar gehen Krankentransporte ab - zur Erholung im Ghetto, wie es offiziell heißt - aber die Kranken werden unterwegs im Wald erschossen. An einem dieser Transporte soll am 6. Januar 1942 auch Rudolf Bruchs Kempener Nachbar, der 50jährige Andreas Mendel, teilnehmen. Aber er ist schon so entkräftet, dass er auf dem Weg von der Baracke zum Omnibus taumelt und stürzt. Einer der lettischen Polizisten, die das Lager bewachen, schießt ihn an Ort und Stelle nieder.

Die Lebensbedingungen im Ghetto von Riga sind ein wenig erträglicher als die im Lager Salaspils. Familien und Bekannte dürfen hier zusammenbleiben. Aber immer wieder kommt es zu Erschießungen. Bei einer Vernichtungsaktion am 26. März 1942 lädt man an die 1.800 Menschen auf Lastautos und bringt sie zur Erschießung in den Wald von Bikernikie, darunter auch den alten Isidor Lambertz aus St. Hubert. Fünf Tage nach dem Tod ihres Mannes wird Isidor Lambertz' Frau Wilhelmine (Minna) Mendel im Laderaum eines Lastwagens vergast.

Ein Jahr nach der Deportation stirbt der Viehhändler Andreas Rath, der zu Hause die dickste Freundschaft mit allen Bauern der Umgebung hatte, an Unterernährung. Nicht jeder der Älteren hat einen Beistand wie die Frau des in Salaspils erschossenen Andreas Mendel, Paula geb. Weinberg. Ihr Sohn, Kurt Mendel, kümmert sich aufopfernd um die Mutter. Andere wieder wachsen in der schlimmen Umgebung über sich hinaus - wie die Kempenerin Bertha Servos, Tochter von Sally Servos, Josefstr. 5, zum Zeitpunkt der Deportation 45 Jahre alt, die in Kempen „den Eindruck machte, als ob sie nicht bis drei zählen könne“.
Andreas Rath war der Hirte der jüdischen Viehhändler Kempens. Am 9. Dezember 1941 wurde er von der Kempener Polizei aus seinem Häuschen Umstr. 8 geholt und am nächsten Tag mit den anderen Juden im "Schluff" nach Krefeld gebracht. Von dort ging es weiter nach Düsseldorf und schließlich ins Ghetto von Riga. Dort ist Andreas Rath verhungert.
Hier im Ghetto ist sie wie verwandelt, verdient sich ihren Unterhalt durch Nähen und versteht es auf tausenderlei Weise, an Lebensmittel zu kommen. Aber im August 1944 wird sie nach Auflösung des Ghettos Riga ins KZ Strazdenhof gebracht - das liegt nordöstlich von Riga im Vorort Jugla - und dort mit allen, die älter als 30 Jahre sind, erschossen.
Bisher haben die jüdischen Eltern das Ghetto Riga morgens in Marschkolonnen verlassen, haben sich zu einer Arbeitsstätte außerhalb begeben und sind abends wieder zu ihren Kindern zurückgekehrt. Nun sollen sie außerhalb des Ghettos im Zusammenhang mit einer Produktionsstätte fest kaserniert werden, d. h., sie würden von ihren Kindern getrennt. Diesem Schicksal versuchen die jüdischen Familien mit Kindern jetzt verständlicher Weise zu entgehen. Daraufhin beschließt die Sicherheitspolizei, die jüdischen Kinder zu vernichten - und der Zweckmäßigkeit halber auch die arbeitsunfähigen Kranken. Am 2. November 1943 werden 2.216 Menschen in Waggons zu je 70 Insassen verladen und nach Auschwitz geschickt. Diese Kinderaktion bringt der neunjährigen Ilse Bruch aus Kempen den Tod - aber auch ihrer Mutter Selma Bruch, die aus freien Stücken mit ihrem Kind in die Gaskammer geht. Selma Bruch hat zwar gute Überlebenschancen: Ihre Geschicklichkeit im Nähen hat ihr einen wichtigen Posten im so genannten Gewerbebetrieb eingebracht - so lautet der Sammelbegriff für die verschiedenen Werkstätten in- und außerhalb des Ghettos, wo auch die Textilien der Toten sortiert und ausgebessert werden. Bei ihrer Arbeit stockt Selma Bruch manchmal der Atem, wenn sie die Kleider auswerten muss, die die Teilnehmer an Todestransporten vor ihrer Erschießung ablegen mussten: Schuhe von Kleinkindern sind darunter, Stofftiere und liebevoll gestrickte Kinderwestchen. Einmal erkennt sie das goldene Hochzeitsband, das sie für einen Kempener Nachbarn genäht hat. Für Selma Bruch ist diese Arbeit eine Art Lebensversicherung. Aber noch wichtiger ist ihr, für ihre Tochter da zu sein, sie zu beschützen - vor allem jetzt, wo der Vater nicht mehr da ist.

Als die Arbeitsgruppen, die außerhalb eingesetzt sind, am Abend des 2. November 1943 in das Ghetto zurückkehren wollen, finden sie dessen Zugänge verschlossen. Schließlich lassen die Wachen die schreiende Selma doch durch. Drinnen findet sie Menschen vor, die sich zum Abtransport in Reihen aufgestellt haben. Dann sieht sie ihre Tochter, die dort alleine und verängstigt steht, und stellt sich zu ihr.

Ihre Liebe ist stärker als die Furcht vor dem Tod. Selma Bruch will nicht, dass Ilse allein ist, wenn sie stirbt. So folgt sie ihrem Kind in die sichere Vernichtung. Eine einfache Frau, die mit ihrer Tapferkeit den Rassenwahnsinn der Nazis beschämt und es verdiente, dass man in Kempen eine Straße nach ihr benennt.

Die Juden, die jetzt noch zurückgeblieben sind, leben unter erbärmlichen Bedingungen, zusammengepfercht in Judenhäusern - kein Ruhmesblatt für das „Dritte Reich“. Die NSDAP drängt auf den Abtransport. Zudem benötigen sie Sozialfürsorge. So werden diese im Reich verbliebenen Juden größtenteils nach Theresienstadt in Nordböhmen (Foto) abgeschoben. Am 25. Juli 1942 geht dorthin ein Transport aus der Halle des Krefelder Hauptbahnhofs ab; in ihn müssen auch 91 Juden aus dem Kreis Kempen-Krefeld einsteigen.

Mit einem LKW (Foto), den die Kempener Polizei vom Fuhrunternehmer Max Nauels, Bahnstraße, angemietet hat, werden am Nachmittag des 24. Juli 1942 18 Kempener Juden aus ihren Woh­nun­gen abgeholt und nach Krefeld gebracht. Zu dieser Deportation nach Theresienstadt gibt es De­tail­in­for­ma­ti­onen, weil sie spektakulärer ver­lau­fen ist als die nach Riga am 10. Dezember 1941. An der Josefstraße sieht der Bäckermeister Heinrich Hermans mit an, wie die dort wohnhaften Juden unter Bewachung den offenen Plateau-Lastwagen besteigen. „Was hätte ich tun können?“, wird er später fragen. „Hätte ich gesagt: ‚Bis hierhin und nicht weiter!’, hätte man mich sicher auch weggebracht.“ An der Engerstraße werden die Bewohnerinnen des Judenhauses Nr. 38 auf den Lkw kommandiert. Die Begleitmannschaft befiehlt den betagten Schwestern Berta (79) und Karoline (77) Berghoff, sich auf die Ladefläche zu setzen. Daraufhin bringt die Bauernfamilie Nopper, die von ihrem Hof gegenüber - wo heute der Discounter Kaisers untergebracht ist - den Vorgang beobachtet, den gebrechlichen Frauen zwei Stühle. Aber die Bewacher wehren ab: „Runter damit! Die brauchen keine Stühle!“

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Nach der Deportation der Kempener Juden wird ihre zurückgelassene Habe öffentlich ver­stei­gert.
Die perverse Schnäppchenjagd findet in der Mädchenoberschule (Foto) an der Tho­mas­straße statt. Dort in der Turnhalle im Hochparterre hat man ihr Mobiliar zur Begutachtung aufgestellt. Aber die besten Stücke sind schon weg, als der Hammer fällt. Offensichtlich haben sich Angehörige von Stadtverwaltung und Polizei schon bedient. Auf Bollerwagen fahren die Kempener die ersteigerten Sachen nach Hause.

Theresienstadt ist im 18. Jahrhundert als Festungsstädtchen für 3.500 Soldaten und Zivilisten erbaut worden. Jetzt sind dort ständig 40.000 bis 50.000 Menschen auf weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde zusam ­men­ge­pfercht: „Ein Sumpf, eine Jauche, wo man die Arme nicht ausstrecken konnte, ohne auf andere Menschen zu stoßen… Nicht einmal im Klo war man allein, denn draußen war immer wer, der dringend musste.“ Alles in allem sind fast 140.000 Menschen dorthin deportiert worden, von denen nicht einmal 18.000 bei Kriegsende befreit werden konnten. Als erste der Kempener Deportierten ist am 17. August 1942 Bertha Berghoff tot - zwei Tage nach ihrem 81. Geburtstag. Am 6. September 1942 erliegt die 80jährige Magdalene Ajakobi den Strapazen; ihre Schwester Karoline stirbt am 7. Oktober 1942. Die Eheleute Nanny und Sally Servos verscheiden im Abstand von nur sechs Tagen: Sally Servos am 19. , Nanny am 25. November 1942.

Der Ort ist ein Durchgangslager in die Vernichtungs-KZs im Osten. Im Frühherbst 1942 setzen die großen Transporte in die Todeslager ein. Schon am 21. September 1942 werden die Eheleute Johanna (Anna) und Isidor Hirsch aus Kempen nach Treblinka gebracht, aber auch Eva Lambertz aus St. Hubert. Alle drei deportiert man weiter nach Minsk, wo sie verschollen sind. Acht Tage später folgt ihnen Isidor Hirschs Schwester Hannchen nach Treblinka. Auch ihre Spur endet in Minsk. Mit demselben Transport nach Treblinka am 29. September müssen die Schwestern Emma und Johanna Ajakobi, Karoline Berghoff, Helene Simon und Eva Falk mit, aber auch sie werden weiter nach Minsk deportiert und kommen dort um. In Minsk warten Vergasungs-Lkw auf die Deportierten; sie sind als Wohnwagen getarnt. Hier liegt man Wert darauf, dass die Opfer vor der Vergasung nicht beunruhigt werden, damit der Tod schneller eintritt.

Siegmund Winter aus Kempen, Josefstr. 5, damals 78 Jahre alt, stirbt am 11. März 1943 in Theresienstadt. Seine Tochter Carola (43) gehört zu den jüngeren, die nach Auschwitz fahren. Am 20. März 1944 wird sie dorthin deportiert. Wahrscheinlich ist sie schon auf der Fahrt umgekommen.

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Diese Tafel mit ihren Namen ist gut geeignet, uns einen Überblick über den Verbleib der jüdischen Bürgerinnen und Bürger während des Dritten Reiches zu verschaffen.
Von den 65 Juden, die es 1931 in Kempen und St. Hubert gegeben hat, sind bis zur Kristallnacht am 10. November 1938 17 emigriert: Johanna und Fritz Lambertz, Kurfürstenstr. 13, in die Niederlande; Bruno, Abraham, Therese und Frieda Rath, Vorster Str. 17, in die USA; Leopold, Betti, Beate, Erna und Alice Servos, Hülser Str. 15, in die USA; Dr. Karl, seine Frau Bertha und ihre Töchter Mirjam und Ruth Winter, Aldekerker Str. 1, in die Niederlande; Abraham Rath, Umstr. 35, in die USA, und die ebenfalls dort wohnhafte Sarchen Rath in die Niederlande.

Weitere elf emigrierten bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, so dass sich als Gesamtzahl emigrierter Kempener Juden 28 ergibt - das ist fast die Hälfte der jüdischen Einwohnerschaft: Sally und Luise, Doris und Erika Rath, Umstraße 8, nach Cambrigde; Salomon, Elsa, Johanna und Henriette Winter, Ellenstr. 5, und Paul und Leo Hirsch, Peterstr. 23, nach England; Siegfried Servos, Hülser Str. 15, wahrscheinlich in die USA.

Kindertransporte bringen 1939 zwei Kinder und eine Jugendliche in die vermeintliche Sicherheit der Niederlande. Aber als dort die Wehrmacht einmarschiert ist, müssen zwei von ihnen trotzdem den Weg in die Gaskammer antreten. Herbert Bruch (7) und seine Schwester Ilse (5) fahren am 4. Januar 1939 mit einem Kindertransport in die Niederlande; während Ilse nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Mai 1940 nach Kempen zurück muss, kann ihr Bruder in letzter Stunde mit einem Kohlenfrachter nach England gerettet werden. Auch die 15jährige Liesel Mendel, mittlerweile wohnhaft an der Tiefstraße, kann nach Holland entkommen, wird aber von dort 1943 nach Auschwitz gebracht.

Elsa Winter, am 1. März 1933 als Tochter von Else und Salomon Winter, Ellenstr. 5, geboren, gelangt mit einem Kindertransport 1939 nach England. Sie wurde in den sechziger Jahren in Jerusalem bei einem Palästinenser-Attentat getötet.

Zwei Kempener Jüdinnen verheiraten sich in das Nachbarland, werden aber von dort nach der Besetzung durch die Deutschen in KZs deportiert: Emmy Hirsch, Peterstr. 23 und die gesangbegabte Erna Rath, Ellenstr. 36.

Acht Juden starben während des Dritten Reiches eines natürlichen Todes: Johanna Berghoff, Engerstr. 38, am 27.12.1938; Moritz Lambertz, Kurfürstenstr. 13, am 15. März 1933; Andreas (Adolph) Lambertz, Schulstr. 9, am 7. März 1942; Isidor Rath, Ellenstr. 36, 1936; seine zweite Ehefrau Julie geb. Wolf 1938; Else Winter, Ellenstr. 5, am 1. März 1933; Linchen Winter, Umstr. 12, 1940; Emil Winter, Neustr. 1, verstarb im jüdischen Krankenhaus in Köln am 16. 11. 1939.

Einer beging Selbstmord kurz vor der Deportation: Leo Goldschmidt, Sohn des Kem­pener Viehhändlers Albert Goldschmidt, im Judenhaus Schulstr. 10. (Abb. Sterbeurkunde von Leo Goldschmidt, Schulstr. 10, Quelle: Kreis­ar­chiv. Klicken zur Vergrößerung.)

Elf sind am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert worden (von ihnen kehrte Kurt Mendel zurück): Aus Kempen Rudolf, Selma und Ilse Bruch, Vorster Str. 2; Andreas, Paula und Kurt Mendel, Von-Loe-Str. 14 und überführt in das Judenhaus Josefstr. 5 kurz vor der Deportation; Andreas Rath, Umstr. 8; Bertha Servos, Vorster Str. 2. Aus St. Hubert Isidor Lambertz und seine zweite Frau Mathilde, Hauptstr. 41; Wilhelmine Mendel, Hauptstr. 39.

16 wurden am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Von ihnen sind mindestens neun weiter nach Treblinka und dann nach Minsk gebracht worden, wo sie umkamen. Aus Kempen deportierte man Emma, Johanna, Karoline und Magdalena Ajakobi, Josefstr. 7; Berta und KarolineBerghoff, Engerstr. 38; Abraham und Helene Goldschmidt, Schulstr. 10; Johanna und Isidor Hirsch und dessen Schwester Johanna, vormals Peterstr. 23, dann verbracht in das Judenhaus Josefstr. 5; Nanny und Sally Servos(vormals Vorster Str. 16, jetzt ebenfalls Josefstr. 5); Helene Simon, vorher Thomasstr. 4 c, jetzt zwangweise wohnhaft im Judenhaus Schulstr. 10; die unverheiratete Karola Winter, die mit ihrem Vater Siegmund, den sie pflegte, im Judenhaus Josefstr. 5 (heute: Heiliggeiststr. 21) wohnte. Aus St. Hubert Isidor Lambertz’ ältere Schwester Eva, die ihm den Haushalt geführt hatte und nach seiner Deportation nach Kempen, Engerstr. 38, verziehen musste.

Der Viehhändler Albert Goldschmidt, der 1909 das Haus des heutigen Café Amberg erwarb, muss zu einem ungeklärten Zeitpunkt nach Auschwitz gekommen sein. Die Schicksale von Johanna geb. Lambertz, Frau des Viehhändlers Albert Goldschmidt, Vorster Str. 2, und von Fritz Servos, wahrscheinlich wohnhaft Vorster Straße, der zwischen 1933 und 1938 zur Zwangsarbeit eingezogen worden sein soll, sind ungeklärt.

Von den 65 Juden, die 1931 in Kempen lebten, sind mit Leo Goldschmidt, der Selbstmord beging, 24 dem Holocaust zum Opfer gefallen. Hinzu kommen Rudolf Bruch, der erst 1933 von Dülken nach Kempen zog, und seine erst 1934 geborene Tochter Ilse; beide mussten 1941 mit nach Riga. Dazu kommen die nach Theresienstadt deportierten Johanna, Karoline und Magdalene Ajakobi, die erst Ende 1938 oder in 1939, nachdem ihre Wohnung in der Kristallnacht zerstört worden war, aus Geilenkirchen nach Kempen zu ihrer Schwester Emma in deren unzerstörte Wohnung Josefstr. 7 umgezogen sind, so dass man davon ausgehen kann, dass insgesamt 29 in Kempen wohnhafte Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.
Von den sieben Juden, die in St. Hubert wohnten, konnten zwei emigrieren, doch einer von ihnen, Siegfried Mendel, Hauptstr. 39, wurde am 9. September 1942 nach Auschwitz deportiert. In Riga starben drei der St. Huberter Juden (Isidor Lambertz und seine zweite Frau Mathilde, Hauptstr. 41; Wilhelmine Mendel, Hauptstr. 39.)
Isidor Lambertz’ ältere Schwester Eva, die ihm den Haushalt geführt hatte und nach seiner Deportation nach Kempen, Engerstr. 38, verziehen musste, wurde zunächst nach Theresienstadt deportiert und kam in Minsk um. Der letzte noch in St. Hubert verbliebene Jude, der Viehhändler Max Mendel, blieb zunächst verschont, weil er mit einer Arierin verheiratet war. Dann wurden Denunziationen von Nachbarn über seine angebliche Arbeitsscheu vom St. Huberter Ortsgruppenleiter an Arbeitsamt und Polizei in Kempen weitergegeben. Max Mendel wurde verhaftet und nach Auschwitz gebracht, wo er am 31. März 1942 ermordet wurde. Somit sind sechs der sieben Juden aus St. Hubert umgekommen.

Auf das heutige Stadtgebiet bezogen, sind für Kempen also 35 Opfer des Holocaust zu beklagen.

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5. St. Martins-Denkmal auf dem Buttermarkt

Als wäre nichts geschehen, startet am Abend der Kempener Kristallnacht wie jedes Jahr am 10. November der St. Martinszug von der Mülhauser Straße zu seinem Weg durch die Stadt, und wie immer ziehen der heilige Mann - in diesem Falle Karl Pielen - und seine Herolde vorneweg. Es regnet, aber wie immer werden die fröhlichen Lieder gesungen: „Oh, wat en Freud!“ Als die Kinder an der Ecke Ellenstraße/Josefstraße (heute: Heiliggeiststraße) vorbeikommen, blicken sie auf das Haus der jüdischen Familie Winter (Foto), das bei der damaligen Straßenführung der Josefstraße ungefähr an der Ecke neben die Bau- und Möbelschreinerei Hoever liegt. Zu diesem Zeitpunkt wohnen hier nur noch Siegmund Winter und seine Tochter Karola. Die Fensterrahmen sind demoliert, die Sprossen herausgeschlagen; die Familie hat die Fensterhöhlen mit einigen Latten notdürftig „gesichert“. Ungehindert fällt der Blick in das Wohnzimmer mit der zerschlagenen Lampe; im Hintergrund steht der Wohnzimmerschrank mit seinem zerstörten kleinen Aufsatz.
Von der Engerstraße schwenken die Fackeln am Viehmarkt auf den Donkring ein. „Als die bunten Fackeln ihren Weg über den Ring nahmen, saßen an der Ecke Hessenring/ Vorster Straße die beiden Kinder der jüdischen Familie Bruch - ein Junge und ein Mädchen - ganz verängstigt hinterm Fenster. Mitziehen durften sie nicht und wahr­schein­lich fiel es ihnen schwer zu begreifen, wie die anderen Kempener Kinder ihre fröhlichen St. Martinslieder singen konnten, wo doch dieser Tag so vielen Menschen so viel Schlimmes gebracht hatte." (Helmut Ringforth)

Dann nähern sich die singenden Kinder über die Rabenstraße der Umstraße. Hier steigt noch Rauch aus der Ruine der abgebrannten Synagoge. Vor Linchen Winters Laden liegen immer noch die auf die Straße geworfenen Einrichtungsgegenstände und Le­bens­mit­tel: Mehl, Zucker, Ein­mach­glä­ser. Die Kinder recken die Hälse; aber vor der Synagoge stehen noch Kempener Feuerwehrleute, die Brandwache halten - darunter der Kraftfahrer des Feuerwehrautos und spätere Kreis-Oberbrandmeister, der Justizangestellte Franz Palm - und drängen sie: „Singen! Weitergehen!“

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Seit Oktober 2004 steht, vom Kempener Martins-Verein gestiftet und von Michael Franke aus Er­ke­lenz angefertigt, auf einem steinernen Podest eine Skulpturengruppe, die Kinder, Eltern und Hel­fer des berühmten Kempener St. Martinszuges dar­stellt. Eine Fackel zeigt den Davids­stern statt des üblichen Sterns auf dem Stadtwappen. Das ist ein­mal als Kempens Huldigung an die Gleich­berech­tigung der Weltreligionen zu verstehen. Es ist aber auch ein Zeichen der Erinnerung - daran, dass an einem Tag der Schande die Lichter der Mar­tins­fackeln und das Feuer der brennenden Sy­na­goge in unseliger Verstrickung zusam­men ka­men. Eine Mah­nung, aus der Vergangenheit zu lernen.

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6. Haus Niermann

Dieses stattliche Gebäude (Foto) wurde von dem Kaufmann Isaak Kounen errichtet, der am 30. September 1810 als Sohn des Geldwechslers Salomon Kounen an der Ellenstraße geboren worden war, 1886 starb und wohl die bedeutendste jüdische Persönlichkeit im Kempen des 19. Jahrhunderts darstellt. Seine Beliebtheit speiste sich aus drei Quellen: Wirtschaftlicher Erfolg, politische Aktivität, soziales Engagement. Bereits 1837 war er Inhaber einer Seidenmanufaktur, d.h. einer der Vorreiter der Industrialisierung in Kempen. Er zählte zu den höchst besteuerten Bürgern der Stadt und begründete zahlreiche Stiftungen zur Unter­stüt­zung - auch christlicher - hilfs­be­dür­fti­ger Bürger. Viele Jahre hindurch war er im Vorstand der Synagogengemeinde, zu dessen Vorsitzendem er wie selbstverständlich gewählt worden war. Damit nicht genug, sprang er als Religionslehrer für die jüdischen Kinder ein, wirkte - nachdem das Judengesetz von 1847 das möglich gemacht hatte - als Mitglied des Stadtrats und seiner wichtigsten Ausschüsse, aber auch der Gladbacher Handelskammer. Die opulenten Grabsteine seiner Familie haben wir auf dem jüdischen Friedhof gesehen.
Gelegentlich wird in Kempen kolportiert, dass auch das Gebäude Buttermarkt 15 (Kempener Lichtspiele) auf Kounen zurückgehe, doch wurde es erst 1903 errichtet - 17 Jahre nach seinem Tod.


7. Haus Umstr. 8

In der Wohnung von Andreas Rath, Umstr. 8, (Foto) schlägt der SA-Sturmführer Josef Weeger mit einem Spazierstock die Porträtfotos von den Wänden und schimpft dabei auf die Judengesichter.
Am 11. Dezember 1941 wird Andreas Rath, der Junggeselle ist, in das Ghetto von Riga deportiert. Hier stirbt er an Unterernährung. „Zu Hause hatte er die dickste Freundschaft mit allen Bauern der Umgebung.“ (Artur Winter)


8. Ehemaliges Haus von Linchen Winter
(Umstr. 12)

Wo sich heute die Einfahrt zum Parkplatz an der Umstraße befindet, stand bis 1964 das kleine Fachwerkhaus, in dem Linchen Winter, eine jüdische Kolonialwaren­händ­lerin, ihren La­den hatte. Als die Nazis ihr demoliertes Geschäft verlassen, steht Linchen Winter, an die Wand gedrückt, wie gelähmt da, und die Tränen laufen ihr über das Gesicht. Sie betrachtet ihre Waren, die verstreut auf dem Boden und auf der Straße liegen, und sagt immer wieder nur: „Ick hebb' doch ni-emes jet jedo-en - ick hebb' doch ni-emes jet jedo-en."


9. Gedächtnisstele an der Umstraße

Hier (Foto) hat die Kempener Synagoge gestanden, die am 10. November 1938 von Kempener Natio­nal­so­zi­alis­ten gebrandschatzt und zerstört wurde.
Erstmals 1844 ist für Kempen eine Synagoge der hiesigen israelitischen Ge­mein­de bezeugt - aber wir wissen nicht, wo sie gelegen hat. Die zweite Kempener Synagoge, an deren Standort wir uns hier befinden, wurde 1848/49 am Rande der Stadt, am so genannnten Quartel­markt (Wachtel­markt) von der mittlerweile wohl­ha­ben­den jü­di­schen Gemeinde errichtet.
Sie stand ein wenig abseits von der Umstraße hinter der Stelle, wo diese einen Knick beschreibt; man erreichte sie durch ein Eisentörchen. Da sie den religiösen Vorschriften entsprechend nach Osten - nach Jerusalem und dem Tempelberg hin - angelegt war, kehrte sie der Umstraße ihre Schmalseite zu. An der Südseite der Synagoge, durch den einstigen Schulhof getrennt, lag parallel zu ihr die jüdische Schule; die wiederum stieß im Süden an den Donkwall. Die Schule hatte seit 1922 nur noch dem Religionsunterricht gedient, und der Pausenhof - ein Teil des früheren Quartelnmarkts - zwischen Schule und Gotteshaus war zum Zeitpunkt der im Folgenden beschriebenen Ereignisse lange verwaist. Die Kempener Kinder, die ihn gerne zum Spielen nutzten, nannten ihn dat Plätzken.

10. November 1938: „Kristallnacht“ in Kempen.

„Reichskristallnacht“ nannte man nachträglich die Ausschreitungen, die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 und auch noch an den Tagen danach gegen die jüdischen Bürger in Deutsch­land stattfanden. Ziel war die völlige Verdrängung und Enteignung der Juden aus dem deutschen Wirtschafts- und Kulturleben.
Der Begriff wurde vom Berliner Volksmund in Anlehnung an die zersplitterten Kristallleuchter in den jüdischen Wohnungen und die zerschlagenen Schaufensterscheiben geprägt. Er wandte sich gegen die Machthaber, weil er den im Dritten Reich inflationären Gebrauch der Anfangssilbe „Reichs-” mit satirischem Spott übersteigerte.
In der „Reichskristallnacht“ wurden etwa 30.000 Juden verhaftet und mindestens 400 ermordet. 7.500 Geschäfte wurden geplündert, zahlreiche Friedhöfe geschändet und 1.406 Synagogen und Betstuben, also fast alle in Deutsch­land, zerstört.
Die Kempener Synagoge an der Umstraße war eine davon. Am 10. November 1938 ab neun Uhr vor­mit­tags setzte Kempener Na­zi-Mob - SS- und SA-Männer, Bürger in Zivil - die Synagoge an der Um­straße in Brand, raubte den sil­ber­nen Gebetsstab vom Altar, verwüstete und plünderte die jüdischen Wohnungen und Geschäfte. Mit dem geraubten Gebetsstab schlug der Kempener SA-Sturmführer Siep­mann die Fensterscheiben der Häuser ein, die als nächste dran waren. Aber auch Polizisten waren an den Ausschreitungen beteiligt.

Am Anfang steht eine antisemitische Aktion der damaligen polnischen Regierung. Sie erlässt am 6. Oktober 1938 eine Anordnung, nach der alle polnischen Pässe ihre Gültigkeit verlieren, die nicht bis zum 29. Oktober in Polen einen neuen Gültigkeitsvermerk bekommen haben. Damit will man verhindern, dass polnische Juden unter dem Druck des Hitler-Terrors nach Polen zurückkommen. Der Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, merkt sofort, was da gespielt wird: Polen will sich mit einem Schlag seiner Juden entledigen, die im Deutschen Reich wohnen. Kurzerhand lässt Himmler vom 27. bis zum 29. Oktober 18.000 polnischstämmige Juden als unerwünschte Ausländer verhaften und an die polnische Grenze fahren - vor die Maschinengewehre der polnischen Grenzwachen. Dort irren die Unglücklichen eine Woche lang im Niemandsland hin und her.
Schilder, wie dieses, Foto links, wurden seit 1935 überall aufgehängt; auch in Kempen.

Herschel Grynszpan, ein siebzehnjähriger Jude, hält sich zu dieser Zeit in Paris auf. Ein Brief seiner Schwester und ein Zeitungsartikel haben ihn in Panik versetzt: Seine Familie, seine Freunde sind von einem Tag auf den anderen aus Deutsch­land ausgewiesen und an die Grenze nach Polen abgeschoben worden. Zurück nach Deutsch­land kann Grynszpan jetzt nicht mehr. Mit einem Trommelrevolver bewaffnet, fährt er zur deutschen Botschaft. Als er den Legationssekretär Ernst vom Rath trifft, streckt der Jugendliche ihn mit fünf Schüssen nieder.
Warum Herschel Grynszpan damals auf ihn geschossen hat, ist umstritten. Vielleicht wollte der Jugendliche an ihm das Schicksal seiner Familie rächen; wahrscheinlicher ist, dass vom Rath, der homosexuell war, ein Verhältnis mit ihm hatte, dass er ihm den rettenden Pass versprochen hatte und dass er das Versprechen nicht halten wollte oder konnte.
Zwei Tage nach dem Attentat stirbt Ernst vom Rath.
Ausgerechnet an diesem Tag wird in ganz Deutschland die Erinnerung an den gescheiterten Münchener Hitler-Putsch vom 9. November 1923 begangen. In München trifft sich Hitler mit alten Kämpfern, um der Kampfzeit vor seiner Machtergreifung zu gedenken. Da trifft die Nachricht vom Tode Ernst vom Rath ein, die Hitler schon gespannt erwartet.
Vieles deutet darauf hin, dass man damals nur noch auf einen geeigneten Anlass für eine schon länger geplante Aktion gegen die Juden wartete. Hitler hat seinen engsten Mitarbeiter, den Reichspropagandaminister und fanatischen Judenhasser Joseph Goebbels, genau instruiert. Dann verlässt er die Versammlung; er will vor dem Ausland nicht als Anstifter für die kommenden Ausschreitungen dastehen.
Diese Rolle übernimmt jetzt Goebbels. Er teilt den Parteiführern mit, dass mit spontanen Demon­stra­tio­nen der Bevölkerung gegen den feigen Mord an dem Helden der natio­nal­sozi­alis­tischen Bewegung Ernst vom Rath zu rechnen sei. Denen solle man nicht entgegentreten. Die anwesenden SA-Führer und Parteileiter begreifen sofort, was von ihnen erwartet wird: Sie eilen an die Telefone, um - etwa ab 22 Uhr 30 - Weisungen für spontane Aktionen an ihre Dienststellen in ganz Deutschland durchzugeben.
Durch Querverbindungen hat die Zentrale der Geheimen Staatspolizei in Berlin von Goebbels` Anweisungen in München erfahren.
Um 1 Uhr 20 lässt Heinrich Himmler, Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei, nach Absprache mit Hitler ein Fern­schrei­ben an die Leitstellen der Gestapo im Reich versenden. Unterschrieben ist es von seinem Stellvertreter Reinhard Heydrich. Um 4 Uhr morgens erhält die Gestapo-Außenstelle Krefeld von der Gestapo-Leitstelle Düsseldorf genaue Anweisungen über Maßnahmen gegen die Juden und sendet sie weiter nach Kempen.
Im Landratsamt an der Hülser Straße (Foto) sitzt damals der Verbindungsmann des Kreises Kem­pen-­Kre­feld zur Geheimen Staatspolizei: Der Regierungsoberinspektor Alexander Bürger. Über die Gestapo-Dienst­stellen Düs­seldorf und Krefeld gehen bei ihm die Anweisungen der Gestapo-Zentrale Berlin ein. 8 Uhr 45. Im damaligen Gebäude der Stadtverwaltung - Haus Herfeldt (Bürgermeisteramt seit 1939), Engerstraße (Foto: Haus Herfeldt - heute und im zerbombten Zustand.) - werden Polizeibeamte und SA-Männer vom Chef der Kempener Polizei, Leutnant Walter Rummler, über ihr Vorgehen bei der Judenaktion instruiert: „Aufräumen - aber nicht so zärtlich!“ Die jüdischen Wohnungen und Geschäfte sollen nach Verbindungen zu jü­di­schen Ver­schwö­run­gen durchsucht werden.
Jeder der fünf Kempener Polizisten erhält einen SA-Mann zur Un­ter­stüt­zung. So machen sie sich daran, die jüdischen Geschäfte und Wohnungen zu durchsuchen und die 25 männlichen Juden, die es damals in Kempen noch gibt, zu verhaften. Die Männer werden in die Polizeiwache an der Umstraße gepfercht - unmittelbar neben der Sy­na­go­ge. Später, als ihr Gotteshaus brennt, sehen sie durch die Fenster die Flammen, hören sie das Krachen der einstürzenden Balken.
Abb.: Firma Tendyck verwahrt sich gegen Gerüchte über Beziehungen zu Juden (1933).

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Der Davidstern der Synagoge, 112 Zentimeter im Durchmesser, war als Fenster in die Längsseite zur Umstraße hin angebracht - bis er auf den Vorplatz stürzte, als der brennende Giebel in sich zusammenbrach.
Er ist unter rät­sel­haften Umständen wieder auf­ge­taucht: 2006 ließ Thomas Pegels, Mitinhaber eines Kempener Agrarhandels, eine alte Lagerhalle an der Hülser Straße abbrechen, die die Firma in den fünfziger Jahren einem anderen Inhaber abgekauft hatte. Da kam, von Holzbrettern verdeckt, der Davidstern zum Vorschein. Wie er dort hingekommen ist, wer ihn dort aufbewahrt hat, weiß man nicht.
Thomas Pegels ist Mitglied des Kempener Lionclubs; als der im April 2010 die Krefelder Synagoge zu einer Besichtigung besuchte, nahm er ihn mit und schenkte ihn der dortigen jüdischen Gemeinde, die auch für Kempen zuständig ist. Im Gemeindezentrum an der Wiedstraße soll der Davidsstern nun eine dort schon bestehende Ausstellung bereichern und zum Ausgangspunkt einer Dokumentation über die traditionsreiche Kempener Judengemeinde werden.

Externe Links: • RP Unvergänglicher Davidstern und Historischer Davidstern entdeckt
• WZ: Historischer Fund beim Aufräumen und Davidstern der Kempener Synagoge wiedergefunden

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Zurück zum 10. November 1938: Während die Verhaftungsaktion der Polizei beginnt, marschiert Sturmführer Ernst Siepmann mit fünf bis sechs uniformierten SA-Männern zur Synagoge an der Umstraße. Dort befindet sich bereits der SS-Mann Fritz Holtermann, wohnhaft Möhlenwall 4. Um neun Uhr - so haben es Gestapo und SA-Führung festgelegt - soll die Zertsörung der Synagoge beginnen. Die Männer beginnen, die Bänke umzuwerfen und den Altar zu demolieren. Als die Altarsäulen nicht einstürzen wollen, ziehen sie am Altar, bis dieser mit der Bundeslade zusammenbricht.
Der Kempener SA-Geschäftsführer Heidkamp hat sich Benzin beschafft, und es wird ein Feuer gelegt. Damit es besser brennt, legt man Einrichtungsgegenstände aus der Synagoge hinein und Bänke, die man durch die Fenster der benachbarten jüdischen Schule herübergeschleppt hat. Dabei fasst auch der aus Schlesien stammende Zahnarzt Dr. Otto Hennig an, der seine Praxis am Donkring 62 hat.
Hunderte von Menschen stehen vor der brennenden Synagoge und beobachten schweigend das Geschehen.
Lehrer an der Kempener Knabenvolksschule, die damals Adolf-Hitler-Schule heißt (heute: Martin­schule, Foto) ist damals Josef Bettels. Er gilt als energischer und fähiger Pädagoge. Aber er ist überzeugter Nationalsozialist und glaubt die Parolen von der Verschwörung des internationalen Judentums. Er fordert am Vormittag des 10. November 1938 seine vierte Volksschulklasse auf: „Geht in die Umstraße, ihr müsst die brennende Synagoge sehen!“ Vor dem brennenden Gebäude lässt er die Jungs antreten, die Hand zum Deutschen Gruß heben und sie ein Kampflied anstimmen.
Nachdem die Synagoge nun brennt, wendet die SA-Meute sich den jüdischen Wohnungen und Geschäften zu. Sturmführer Siepmann läuft vorneweg. In der Hand hält er den silbernen Gebetsweiser-Stab, den er in der Synagoge geraubt hat. Überall dort, wo demoliert werden soll, schlägt er mit dem sakralen Gegenstand die Fensterscheiben ein. Nun wird zerstört und geplündert. Überall fliegen Möbel und Einrichtungsgegenstände auf die Straße. Eine größere Gruppe von Schaulustigen - meist Kinder - läuft mit, um sich die Ausschreitungen anzusehen.


10. Kolpinghaus: Ehemalige Metzgerei Hirsch

Wo heute das neue Kolpinghaus steht, lag damals die Metzgerei Hirsch. Hier hat der SA-Sturmführer Siepmann aus der Wohnung des Synago­gen­ge­mein­den­vor­stehers Isidor Hirsch eine Sam­mel­büch­se geraubt. Auf ihr ist ein Davidstern aufgemalt, mit dem für bedürftige Juden gesammelt wird. Er nimmt die blaue Büchse mit auf die Straße und versucht, die Zuschauer aufzuhetzen. Aber er verwechselt den weißen Davidstern mit dem roten Sowjetstern und schreit: „Da seht ihr mal, das sind die Juden! Das ist der Sowjetstern, da sammeln die Juden für den Krieg gegen uns, damit sollt ihr vernichtet werden.“
Foto: Die ehemalige Metzgerei Hirsch im Jahre 1964, als Friseur Emil Wersch hier von 1963 bis 1965 sein Geschäft betrieb. Bis auf den fehlenden Querriegel an der unteren Seite ist die Schaufensterfront unverändert. Rechts schließt sich das Käse­la­ger des Konsums an und die große Tor­durch­fahrt, die zur Bäckerei und Metzgerei führte.
Zum Vergleich, das an dieser Stelle neu erbaute Kolpinghaus heute.
Isidors Sohn Paul Hirsch entkam am 1. September 1939 mit knapper Not aus Kempen. In England baute er sich in harter Arbeit mit seinem Bruder Leo eine Farm auf. Dann ging er in die USA. Das Bild zeigt Paul mit seinem Sohn Roger an seinem 80. Geburtstag.
Isidor Hirsch, der Geschäftsinhaber der Metzgerei an der Peterstraße und des damit verbundenen Viehhandels. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten einer der tüchtigsten Kempener Geschäftsleute, hart arbeitend und ein guter Steuerzahler. In der "Kristallnacht" am 10. November 1938 wurden sein Geschäft und seine Wohnung von Kempener Polizei und SA zerstört und geplündert. Am 25. Juli 1942 wurde er mit seiner Frau Anna nach Theresienstadt deportiert und am 21. September 1942 weiter nach Treblinka, wo beide umkamen.


11. Café Amberg/Ecke Vorster Straße - Ring

Mit seinem Schlägertrupp dringt Siepmann bei der Familie Goldschmidt ein (Foto: Ecke Vorster Straße/Hessenring, heute Café am Ring). Hier soll der Polizist Oberdieck den Spiegel im Schlafzimmer mit seinen Stiefeln entzweigetreten und sich an den Kronleuchter im Wohnzimmer gehängt haben, bis dieser aus der Decke brach. „Ich war damals Schülerin und kam etwa um halb zwei an der Wohnung von Goldschmidts vorbei. Ich sah, wie Teile der zerschlagenen Wohnzimmermöbel durch das Fenster auf die Straße flogen“, erinnert sich Gertrud Janssen, später Lehrerin in Kempen.

In der Wohnung des Viehhändlers Sally Rath (Vorster Str. 15) zertrümmert Siepmann mit seinem geraubten Stab die Flurlampe. Der Polizeimeister Ludwig Oberdieck haut mit einem Beil auf die Einrichtung los, schlägt auch Porzellan und den Spiegel im Badezimmer kurz und klein.

Auch aus dem Hand­arbeits­geschäft von Jett­chen Winter, Ellenstr. 5, fliegen die Ein­rich­tungs­gegen­stände durch die zerbrochene Schaufensterscheibe auf die Straße. Im ersten Stockwerk liegt Jettchens kranker Vater, der 92 Jahre alte Simon Winter, im Bett. Auch vor seinem Zimmer machen die Nazis nicht Halt. Ein knappes Jahr später stirbt Simon Winter - kurz vor der Emigration seiner Familie nach England - und wird auf dem Kempener Judenfriedhof begraben.


12. Auf dem Judenfriedhof
(Schlüssel gibt es gegen Unterschrift im Grünflächenamt, Tel. 917364)

Erst nachdem 1794 die Truppen der französischen Revolution den linken Niederrhein besetzt und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit propagiert haben, erleichtern sich die Lebensbedingungen der Juden.
Mit Gesetz vom 4. November 1797 vereint die Pariser Regierung das ganze linke Rheinufer, das vordem 15 geistlichen und 75 weltlichen Herren untertan gewesen ist, mit Frankreich. Seit Januar 1798 gilt hier faktisch die französische Verfassung, so dass die jüdischen Einwohner, die in Frankreich seit 1791 gleichberechtigt sind, auch bei uns die völlige Gleich­be­rech­tigung mit allen anderen Staatsbürgern erhalten. Auch die Kempener, die den Juden ihre Stadttore bisher so beharrlich versperrt haben, zeigen sich nun - unter dem Druck der aufgeklärten französischen Herrschaft - zugänglicher.
Am 29. April 1801 verzeichnet eine Bevölkerungsliste im Ellenstraßenviertel die erste bekannte jüdische Familie. Es handelt sich um den Metzger Mayer Seligman mit Frau, Magd und zwei Kindern, seit einem Jahr wohnhaft in Kempen. 1806 leben bereits 32 Juden im Ort. Am 27. Februar 1808 berichtet der Kempener Bürgermeister Lambertz, dass vor dem Einmarsch der französischen Truppen kein Jude hier gewohnt habe. Jetzt aber sei eine große Zahl in der Stadt sesshaft geworden. Zu diesem Zeitpunkt ist Kempen mit seinem ländlichen Umfeld von jüdischen Gewerbetreibenden schon als attraktiver Standort entdeckt worden.
Bereits im späten 18. Jahrhundert ist die Bevölkerung des Kempener Landes bekannt für einen Wohlstand, der auf der geschickten Bebauung fruchtbarer Ackerböden beruht. Kennzeichnend für die Region ist die Rindviehhaltung. Zudem ist Kempen damals eines der Gebiete mit dem dichtesten Pferdebestand im Rheinland. Einem Händler winken hier schöne Erträge, und die Juden sind spezialisiert auf den Handel, dabei bedacht auf Effizienz. Als Zugewanderte, d.h. Fremde können sie nur durch zielgerichtetes Wirtschaften überleben. Die uralte Zerstreuung, d.h. die räumliche Verbreitung dieses Volkes prädestiniert es wegen seiner weit gespannten Beziehungen zum Umschlag von Waren. Seine Angehörigen müssen ihre Kraft auf gewerblichen Gewinn ausrichten, weil sie von Handwerk und Ackerbau ausgeschlossen sind. Hinzu kommt die aktuelle Konjunktur. Der napoleonische Staat konzentriert sich auf die Rüstungsindustrie; die Warenknappheit der Kriegsjahre bis 1813 bietet gute Absatzchancen für private Konsumartikel. 1808 betreiben sieben Juden ein Gewerbe in Kempen: Drei als Krämer (Kleinhändler), von denen einer auf eigene Rechnung als Samtbandwirker arbeitet; einer als Pferdehändler; drei als Wandermetzger. Ein Zuwanderer, dessen Schicksal fassbar wird, ist Isaac Lambertz, 1784 in Schelsen (bei Giesenkirchen) geboren. Er heiratet am 13. Juli 1809 in Kempen Eva Scheiren, ebenfalls eine Auswärtige, denn sie ist 1788 in Linnich zur Welt gekommen. Seine Nachfahren werden Generationen lang in Kempen bzw. in der Kempener Nachbargemeinde St. Hubert leben. Eine solche Kontinuität ist typisch für Landjuden und bei zahlreichen jüdischen Familien Kempens feststellbar.
Dies hier ist Kempens zweiter Judenfriedhof. Wo der erste gelegen hat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass es in Kempen im Mittelalter schon einmal eine Judengemeinde gegeben hat, die auch einen Friedhof gehabt haben muss.
Am 4. April 1809 kauft die mittlerweile umfangreiche und selbstbewusste jüdische Gemeinde von der Kommune Schmalbroich an der Landstraße von Kempen nach Oedt ein Stück Ödland zur Anlegung eines jüdischen Friedhofs. (Er wird bis ins Dritte Reich hinein als Begräbnisplatz dienen und im frühen 21. Jahrhundert noch einmal für zwei Gräber geöffnet werden.)
Auf dem Friedhof befinden sich 93 Steine, von 1845 bis 1939 errichtet; davon sind 19 im November 1968 von Oedt hierhin gebracht worden. Männer sollten hier immer eine Kopfbedeckung tragen. Nach jüdischer Sitte sind Blumen hier nicht üblich. In der jüdischen Bevölkerung sagt man: "Blumen erfreuen besser die Lebenden." Besucher hinterlassen höchstens einen kleinen Stein auf dem Grabmal. Damit erweitert man symbolisch den Grabstein und gibt dem Toten, den man kennt, eine Ehrenbezeugung. Zur Herkunft dieses Brauchs: Als das Jüdische Volk vor den Ägyptern floh, musste es die steinige Wüste des Sinai durchqueren; diejenige, die den Strapazen erlegen waren, begrub man dort unter Steinen. - Es gibt aber immer mehr Juden, die Blumen auf die Gräber legen. Normalerweise gibt es im Judentum keine Grabpflege, so wie bei den Christen. Den Grabstein stellt man erst am ersten Todestag auf. Ein jüdisches Grab ist ein sogenanntes 'ewiges Grab'. Das heißt, die Toten bleiben, wie es in der Bibel vorgeschrieben ist, bis zum jüngsten Tag darin liegen.
Der Friedhof ist im Besitz des Landesverbands der Jüdischen Ge­mein­den von Nordrhein mit Sitz in Düsseldorf und wird durch die Stadt Kempen gepflegt. Die Steine sind im Januar/Februar 2009 durch den Kempener Steinmetzmeister Manfred Messing behutsam restauriert worden. Der ver­fal­lene Charakter sollte bewahrt werden.
Besuchen wir einige Gräber und erfahren wir die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind.

1.Grab: Salomon Kounen
Einer, der damals von weither in das französisch verwaltete Kempen ge­kom­men ist, ist Salomon Kounen. 1776 geboren, ist er aus Neu-Sablitz in Böhmen an den Niederrhein gekommen. In Kempen hat er an der Ellenstraße ein Geschäft als Geldwechsler. Geld war knapp damals und vor allem Kleingeld. Oft hatte man nicht die passender Münze. Salomon Kounen machte ein Geschäft daraus. Er wechselte zum Beispiel, wenn jemand Kleingeld brauchte, einen Taler in 100 Heller ein und behielt als Honorar einen Teil, zum Beispiel zehn Heller. Zwei segnende Hände dienen auf seinem Grabstein als Priestersymbol: Bei den jüdischen Gottesdiensten hat Salomon Kounen aus der Thora vorgelesen, der jüdischen „Bibel“, die die fünf Bücher des Moses enthält. 1845 ist er verstorben.

2. Grab: Isaak Kounen
Das beste Beispiel für den sozialen Aufstieg, der sich seit der Wie­der­an­sied­lung der Juden um 1800 vollzogen hat, ist der Kaufmann Isaak Kounen. Er ist am 30. September 1810 als Sohn von Samuel Kounen geboren worden, dessen Grab wir gerade gesehen haben. Isaak Kounen ist wohl die bedeutendste jüdische Persönlichkeit im Kempen des 19. Jahrhunderts gewesen. Seine Be­liebt­heit speiste sich aus drei Quellen: Wirtschaftlicher Erfolg, po­li­ti­sche Ak­ti­vi­tät, soziales En­ga­ge­ment. Bereits 1837 war er Inhaber einer Seidenfabrik, d.h. einer der Vorreiter der In­dus­tri­ali­sie­rung in Kempen. Er zählte zu den höchst besteuerten Bürgern der Stadt und begründete zahlreiche Stif­tungen zur Unter­stüt­zung hilfs­be­dürf­tiger Bürger - auch christlicher Bürger. Viele Jahre hindurch war er im Vorstand der Synagogen­gemeinde, zu dessen Vor­sit­zen­den er wie selbstverständlich gewählt worden war. Damit nicht genug, sprang er als Religionslehrer für die jüdischen Kinder ein. Er wirkte - nachdem das Judengesetz von 1847 das möglich gemacht hatte - als Mitglied des Stadtrats und seiner wichtigsten Ausschüsse, saß aber auch in der Gladbacher Handelskammer. Ihm wird das Haus Buttermarkt 2 (später Herrenmoden Nier­mann) zugeschrieben; in ihm soll er auch gewohnt haben.

3. Grab: Nathan Lambertz
Viele Juden sind damals in Deutsch­land zu Vorkämpfern der Demokratie geworden. Das leuchtet ein: Wenn sich jemand unterdrückt fühlt, neigt er dazu, sich für mehr Freiheit einzusetzen. Einer von ihnen war der Metzger Nathan Lamberz, vor dessen Grab wir jetzt stehen. Im Jahre 1848 hatten überal in Deutsch­land Aufstände gegen die Fürsten stattgefunden; die Menschen forderten eine Verfassung und ein einiges Deutsch­land. In der Frankfurter Paulskirche beschloss eine Natio­nal­ver­samm­lung eine Verfassung für ganz Deutschland, aber der preußische König lehnte sie ab, er drohte sogar mit Militär. Daraufhin formierte sich auch in Kempen eine Volksbewegung, die das Zeughaus der preußischen Armee in Neuss erstürmen wollte. Man wollte sich Waffen beschaffen, um für Demokratie und nationale Einheit zu kämpfen. Nathan Lambertz war einer der Anführer dieses Aufgebots. Am 10. Mai 1849 zogen die Kempener Revolutionäre los. In Krefeld angekommen, erfuhren die Kempener jedoch vom Sieg des Militärs in den Straßenkämpfen, die in Düsseldorf stattfanden, und kehrten ernüchtert um. Als die Gewalt der Regierung sich festigte, wurde eine Untersuchung eingeleitet, Hausdurchsuchungen fanden statt - den Anführern drohte die Verhaftung. Nathan Lambertz floh in die Niederlande, woraufhin der Oberstaatsanwalt des Landgerichts Kleve am 31. Mai 1849 auf ihn und vier andere untergetauchte Kempener einen Steckbrief ausstellte. Lambertz scheint aber bald wieder zurückgekehrt zu sein, denn am 18. Juni wurde die Fahndung nach ihm eingestellt Schließlich wurden in Kleve 18 Kempener vor Gericht gestellt, jedoch - aufgrund der entlastenden Aussagen von Mitbürgern - alle freigesprochen. Unter großem Jubel kehrten sie mit ihren Entlastungszeugen in die Stadt zurück. Der Jude Nathan Lambertz war als Verfechter demokratischer Grundsätze eine Person des öffentlichen Interesses geworden. Bis jetzt waren die Juden eine belächelte Minderheit gewesen, über die man Witze machte. Jetzt wurde einer auf einmal ernst genommen. Nathan Lambertz starb 1899.

4. Grab: Emil Winter
In die Jahre vor und während des ersten Weltkriegs führt uns das Grab des Viehhändlers Emil Winter. Er hatte Wohnung und Ställe in einem Bauernhof an der Neustraße 1; heute erhebt sich dort die ziegelrote Fassade des Kino-Neubaus von 1951. Seit 1904 war er verheiratet mit Selma Winter, Tochter des Viehhändlers Simon Winter, Ellenstr. 5. Sie war eine selbstbewusste, tatkräftigen Frau, geradezu emanzipiert für ihre Zeit. Während ihr Mann an der Front kämpft, zum Feldwebel befördert wird und das Eiserne Kreuz erhält, organisiert Selma Winter für den Nationalen Frauendienst die Heimarbeit der Frauen des Kreises Kempen für Kriegszwecke - beispielsweise das Nähen von Sandsäcken zur Deckung der Soldaten im Schützengraben. Für die aufwändige Tätigkeit, die sie einige Male nach Berlin geführt hat, wird der Kempenerin schließlich durch Kaiserin Auguste Viktoria das preußische Verdienstkreuz für Frauen verliehen. - Selma Winter und ihre Tochter Grete üben daheim in Kempen bereits den Hofknicks für den kaiserlichen Empfang, als die Mitteilung eingeht, dass dieser an einem Samstag stattfinden wird. Da verzichtet Selma Winter auf die Fahrt, denn als orthodoxe Jüdin unternimmt sie während des Sabbat keine Reisen. Aber im Oktober 1917 geht sie mit ihren Kindern, dem elfjährigen Erich und der neunjährigen Grete, nach Bonn. Hintergrund dürfte sein, dass ihre Ehe seit 1912 nur noch auf dem Papier besteht. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die unglückliche Frau sich in Kempen in eine Beziehung mit dem jüdischen Lehrer Max Friedrich Sommer geflüchtet hat. Jedenfalls ist ihr die kleine Stadt verleidet und sie kann sich hier, wo jeder jeden kennt und über jeden redet, nicht mehr aufhalten. Am 21. März 1919 wird sie vom Krefelder Landgericht auf ihren Wunsch hin geschieden. Ein Eklat für jene Zeit und vor allem für das jüdische Milieu ihrer niederrheinischen Heimat.

Selma Winters Tochter Grete schlägt zunächst die Ausbildung zur Volksschullehrerin ein - einer der we­ni­gen Einstiege in die Selbst­stän­dig­keit, die sich jungen Frauen damals boten. 1933 promoviert sie in Heidelberg zum Dr. phil. mit dem Hauptfach Mathematik. Im November 1931 heiratet sie in Köln den Bio­che­miker und Mediziner Dr. Leibowitz und wandert 1934 mit ihm nach Jerusalem aus. Dort tritt Leibowitz, der in Basel in Medizin habilitiert hat, 1936 in die Hebräische Universität ein, wo er 1941 einen Lehrstuhl für Biochemie erhält. 1952 wird er zum ordentlichen Professor ernannt und lehrt nach seiner Pensionierung weiter in Philosophie und Wissen­schafts­geschichte. Leibowitz hat zahlreiche Bücher über Philosophie und Politik veröffentlicht, dazu Hunderte von Artikeln und Essays. Als er im August 1994 gestorben war, nannte Präsident Ezer Weizman ihn „eine der größten Gestalten im Leben des jüdischen Volkes und des Staates Israel in den letzten Generationen.“ - Am 19. Februar 2010 kam ein israelisches Fernsehteam nach Kempen. Es filmte einen Enkel Grete Winters, den israelischen Psychologie-Professor Dr. Yoram Yovel von der Universität Haifa, auf den Spuren seiner Kempener Vorfahren. Der Film wurde im Oktober 2010 vom israelischen Fernsehen ausgestrahlt.
Emil Winter wurde am 10. November 1938 in Kempen mit den anderen männlichen Juden verhaftet und in das Anrather Zuchthaus gebracht. Er erkrankte und verstarb im jüdischen Krankenhaus in Köln am 16. 11. 1939. Dies hier ist ein Gedenkstein, errichtet auf Initiative seines Neffen Artur Winter, am 12. Januar 1903 in Kempen geboren als Sohn des Viehhändlers Siegmund Winter, Josefstr. 5. Artur Winter wurde gegen den Willen seines Vaters nicht, wie in seiner Familie bis dahin üblich, Kaufmann, sondern Schiffsbauingenieur. Artur Winter lebte später im schwedischen Göteborg. Er hat Material über den Holocaust der Kempener Juden zusammengestellt und unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Leiter des Kempener Hauptamtes Hubert Brünen, der sich um das Andenken der Kempener Juden bemühte.

5. Grab: Carola und Siegmund Winter
Damit sind wir bei der Verfolgung der Kempener Juden durch die Nationalsozialisten angekommen. Davon kündet dieser Gedenkstein, den ebenfalls Artur Winter hat aufstellen lassen - für seinen Vater Siegmund Winter und seine ältere Schwester Carola. Der alte Siegmund Winter, 1864 geboren, wohnte mit seiner Tochter Carola, die ihn pflegte, an der Josefstraße (heute: Heiliggeiststr.) 5. Von Schweden aus hatte Artur bereits die Ausreise für den Vater erreicht, aber nicht für seine Schwester. Da beschloss der alte Mann, mit seiner Tochter in Deutschland zu bleiben. Am Nachmittag des 24. Juli 1942 werden die beiden mit 14 anderen Kempener Juden aus ihren Häusern abgeholt und nach Krefeld gebracht, von wo die Fahrt nach Theresienstadt geht. Als Transportmittel dienen Lastwagen, die die Kempener Polizei vom Spediteur Max Nauels, Bahnstraße, gemietet hat. Theresienstadt ist im 18. Jahrhundert als Fes­tungs­städtchen für 3.500 Soldaten und Zivilisten erbaut worden. Jetzt sind dort ständig 40.000 bis 50.000 Menschen auf weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde zusammengepfercht. Siegmund Winter aus Kempen, Josefstr. 5, damals 78 Jahre alt, stirbt am 11. März 1943 in Theresienstadt. Seine Tochter Carola (43) gehört zu den jüngeren, die nach Auschwitz fahren. Am 20. März 1944 wird sie dorthin deportiert. Wahrscheinlich ist sie schon auf der Fahrt umgekommen.

6. Grab: Kurt Mendel
Das letzte Begräbnis fand für den am 12. März 1942 in Kempen verstorbenen Andreas (Adolph) Lambertz statt, dessen Familie hier ein Stein gewidmet ist. 2006 wurde der Friedhof noch einmal für die künftige Beisetzung von Kurt Mendel aus St. Hubert, dem einzigen Kempener Überlebenden des Holocaust, und seiner Frau Emmy geb. Dahl geöffnet; auf Initiative des Experten für jüdische Friedhöfe Dieter Peters, der die Eheleute Mendel und ihren Wunsch, dort bei ihren Anverwandten beigesetzt zu werden, am „Tag des offenen Denkmals“ (10. September 2006) auf dem mittlerweile geschlossenen Judenfriedhof kennen lernte. So wurde in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, der Stadt Kempen und der jüdischen Gemeinde Krefeld die Möglichkeit für zwei Bestattungen geschaffen. Am 6. September 2007 wurde hier Kurt Mendel beigesetzt.

Der Schreiner Kurt Mendel (19), Sohn des Kempener Viehhändlers Andreas Mendel, und Emmi Dahl (20), Tochter eines Metzgers aus Dormagen, lernten sich auf der Deportation in das Ghetto von Riga kennen - in einem überfüllten Sonderzug mit 1007 Männern, Frauen und Kindern. „Wir kannten uns bisher nur flüchtig aus einem jüdischen Café in Köln, wo Kurt sich auf einer jüdischen Handwerkerschule auf ein Leben als Schreiner im Ausland vorbereitete“, erinnert sich Emmi, heute Kurt Mendels Witwe. „Dann sahen wir uns in diesem Zug nach Riga wieder. Wir saßen auf dem Boden des überfüllten Personenwaggons und sagten - wie man das so sagt, wenn man jung ist: Wenn wir hier `rauskommen, bleiben wir zusammen.“ Sie überleben und sie bleiben zusammen. Als Emmi Dahl am 13. März 1945 in Westpreußen, wohin man sie auf einem Todesmarsch getrieben hat, von den Russen befreit wird, wiegt sie noch 34 Kilo, hat Typhus und Fleckfieber. Ein Zeh ist ihr abgefroren. Dann kehren sie an den Niederrhein zurück: Sie zu ihrem Bruder Jakob nach Dormagen, er nach Kempen, wo er seit dem 1. Juni 1945 an der Kleinbahnstr. 4 wohnt. Kurt denkt erst daran, in die USA auszuwandern, aber Emmi will ihren Bruder Jakob, der in Dormagen die elterliche Metzgerei zurückgekauft hat, nicht allein lassen. Kurt Mendel arbeitet zunächst für zwei Jahre in der Metzgerei Klein-Bongartz in Aldekerk, macht sich dann selbstständig, wird Viehhändler wie der Vater. Am 17. März 1947 heiraten sie in der Kölner Synagoge, Emmi zieht die 40 Kilometer rheinabwärts nach Kempen. 1956 verlegen sie ihren Wohnort nach St. Hubert, wo Emmi Mendel, seit 2007 verwitwet, bis 2011 noch lebte.
Siehe auch hier: Gemeinsam überlebt - gemeinsam im Tod

Presseartikel: • RP: 200 Jahre Jüdischer Friedhof und Jüdischer Friedhof würdig gestaltet
WZ: Jüdischer Friedhof - Gräber mit Gefühl saniert


Gemeinsam überlebt - gemeinsam im Tod
Auf dem Transport vom 11. Dezember 1941 beschließen zwei junge Menschen, die sich bisher nur flüchtig gekannt haben, zusammen zu bleiben: Der Schreiner Kurt Mendel (19), Sohn des Kempener Viehhändlers Andreas Mendel, und Emmi Dahl (20), Tochter eines Metzgers aus Dormagen. Als Emmi Dahl am 13. März 1945 in Westpreußen, wohin man sie auf einem Todesmarsch getrieben hat, von den Russen befreit wird, wiegt sie noch 34 Kilo, hat Typhus und Fleckfieber. Ein Zeh ist ihr abgefroren. Dann kehren sie an den Niederrhein zurück, wo Kurt in Kempen einen Viehhandel aufnimmt. Im März 1947 heiraten die beiden und ziehen 1956 nach St. Hubert.
Beide wollten in einem gemeinsamen Grab auf dem Kempener Judenfriedhof in Kamperlings beigesetzt werden - in der Nähe ihrer Verwandten. Die Stadt hat ihnen den Wunsch erfüllt und den Friedhof noch einmal für sie geöffnet. Dort ruht Kurt seit dem 6. September 2007. Emmi folgte ihm am 28. Dezember 2011. Unser Bild zeigt die beiden auf dem Hanucha-Ball 1991 im Hilton-Hotel Düsseldorf.

Zeitzeugin
Mirjam Honig wurde 1922 als Tochter des Anwalts Dr. Karl Winter in Kempen an der Aldekerker Str. 1 geboren. 1936 emigrierte sie mit den Eltern und ihrer Schwester Ruth nach Venlo. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht (1940) wurde die Familie vom niederländischen Untergrund versteckt, bis sie im Novembver 1944 von schottischen Truppen befreit wurde. Mirjam ist die letzte noch lebende Jüdin aus Kempen. Heute lebt sie in Eindhoven.

Siehe auch Presseartikel:
WZ: Spuren der Vergangenheit, v. H. Kaiser


Literaturhinweise: • Friedhelm Weinforth: Geschichte der jüdischen Gemeinde Kempen, in: Gerhard Rehm (Redaktion): Geschichte der Juden im Kreis Viersen (Schriftenreihe des Kreises Viersen 38), Viersen 1991, S. 273-306
• Dieter Hangenbruch: "In der Gewalt der Gestapo. Das Schicksal der Juden des Kreises (1933 bis 1945)", in: Heimatbuch des Kreises Viersen 1979, S. 239-260.
• Hans Kaiser: Jüdisches Leben in Kempen. Ein Überblick, in: Adel, Reformation und Stadt am Niederrhein. Festschrift für Leo Peters, hg. von Gerhard Rehm (Studien zur Regionalgeschichter Band 23), Bielefeld 2009, S. 241 - 275.


Inschrift des Hinweisschilds (Bild unten):
"Jüdischer Friedhof, Kempen"

4. April 1809
Die Jüdische Gemeinde von Kempen erwarb von der Gemeinde Schmalbroich das heutige Friedhofsgrundstück einschließlich der benachbarten bewaldeten Fläche bis zur Oedter Straße.

1846
lebten 108 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Kempen.

Seit 1854
gehörten die Kempener Juden zur Synagogengemeinde Kempen, die alle im Kreis Kempen – mit Ausnahme der Bürgermeisterei Vorst –- wohnenden Juden umfasste.
Ältere Grabsteine tragen auf der Vorderseite hebräische Inschriften, während die deutsche Inschrift, wenn vorhanden, auf der Rückseite des Steins zu finden ist. Bestattet wurde normalerweise in der Reihenfolge des Sterbens.

Im 19. Jahrhundert
kamen Familiengruften auf, wie man in Kempen an den fünf nebeneinander stehenden monumentalen Grabsteinen von gleicher Form der Familie Kounen sieht.
Während der NS-Zeit in den Jahren 1933 bis 1945 wurde der Jüdische Friedhof stark in Mitleidenschaft gezogen.

Nach dem 2. Weltkrieg lebte nur noch ein Mitglied der ehemaligen Jüdischen Gemeinde in Kempen.

Um 1960 ist die belegte Friedhofsfläche durch einen Fußweg vom nicht belegten Teil getrennt und mit einem Zaun bzw. einer Hecke umfriedet worden.

Vom 12. bis 15. November 1968 wurde der Jüdische Friedhof Oedt nach Kempen verlegt. 19 Gebeintruhen wurden nach Kempen umgebettet und die Grabdenkmäler umgesetzt.
Der ehemalige Jüdische Friedhof in Oedt befand sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Helseacker zwischen der Mülhauser Landstraße und der Schleck. Bis 1968 existierte der Friedhof, der mittlerweile inmitten des Girmes-Werksgeländes lag.
Um Platz für eine Werkshalle zu schaffen und die Totenruhe wieder herzustellen, stimmte der „Landesverband der Jüdischen Kultusgemeinde Düsseldorf" (heute Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein") der Umbettung der Toten zum Friedhof nach Kempen ausnahmsweise zu.

Anfang der 1970er Jahre richtete die Kommune den Jüdischen Friedhof in Kempen wieder her.

Im Jahr 2003 wurde der Friedhof unter Denkmalschutz gestellt:
„Als Zeugnis des jüdischen Lebens und seiner wechselvollen Geschichte ist der Jüdische Friedhof bedeutend für die Geschichte des Menschen und für Kempen. An seiner Erhaltung besteht aus ortsgeschichtlichen, künstlerischen und religionsgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse."
Durch Fördermittel des Landes NRW und Eigenmittel der Stadt Kempen wurden im Jahre 2009 die Grabmäler konserviert. Vorrangig wurden Fundamentarbeiten zur Optimierung der Standfestigkeit sowie Maßnahmen zum Erhalt der Steine durchgeführt. Die Stadt Kempen errichtete einen neuen Zugangsbereich mit Stufen- und Toranlage sowie eine neue Einfriedung.

"Ein jüdischer Friedhof ist „ein Haus für die Ewigkeit"
Das gilt nicht nur für den Friedhof sondern auch für die Gräber. Nach den religiösen Vorschriften bleiben sie unangetastet. Es wird nur in unberührter Erde beigesetzt. Nach jüdischer Sitte werden auf den Gräbern keine Blumen gepflanzt. Beim Grabbesuch werden kleine Steine auf das Grabmal gelegt.
Was für außenstehende Betrachter ungepflegt aussieht, ist durch religiöses Brauchtum bedingt.
Die eingefriedete Friedhofsfläche beträgt ca. 2.100 m2. Sie umfasst 98 erkennbare Gräber und Gedenkstätten, davon 18 aus Oedt.
Heute gibt es in Kempen keine Jüdische Gemeinde mehr. Der Friedhof ist im Besitz des „Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein" mit Sitz in Düsseldorf und wird seitens der Stadt Kempen gepflegt.
Der geschlossene Friedhof kann nach Absprache mit dem Grünflächenamt der Stadt Kempen, Tel. 02152-917-0, besichtigt werden.

Stand: Mai 2009
Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein
Stadt Kempen Der Bürgermeister"

Siehe auch www.kempener-geschichts-und-museumsverein.de: PDF-Datei „Der Jüdische Friedhof in Kempen – ein geschütztes Denkmal“ von Uwe E. R. Cordt, Kempen


Falls Sie sich verlaufen haben - die offizielle Website der Stadt Kempen finden Sie HIER!