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Anno Dazumal
Bahngeschichte
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Verschiedene Großansichten des Bahnhofs Anno Tobac: KLICK
Foto: Ralph Braun, 2006
Der umgestaltete Bahnhofskomplex mit neuer Unterführung zum Arnoldhaus, 2006
und der neue Gleisbereich
Unten: Schnappschuss einer alten Dampflok im Kempener Bahnhof, 2006. Dazu ein Video von Dampffussie TV:

Kempen groß-zügig
- von Hans Kaiser -
Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatten noch 40 (!) Gleise in sechs Himmelsrichtungen über das Kempener Bahngelände geführt, dazu kam ein Bahnbetriebswerk mit Drehscheibe und eine Signalwerkstatt. Übrig blieben, seit am 21. Mai 1982 der letzte Schienenbus nach Kaldenkirchen fuhr, nur noch vier Gleise, die mittlerweile durch den Umbau des Bahnhofsgeländes (2003-2005), bei dem das letzte Abstellgleis verschwand, auf zwei reduziert worden sind. Daneben liegt heute noch das Industrie-Anschlussgleis zur ehemaligen Elektrochemischen Fabrik.

Hier die historischen Eisenbahnen, die einstmals Kempen querten:

1) Von Kempen lief seit 1863 eine Strecke von Köln über Krefeld nach Geldern und Kleve.

2) 1868 bekam diese erste Eisenbahn Anschluss an die Niederlande durch die jetzt in Kempen beginnende neue Staatsbahnlinie über Mülhausen-Grefrath-Lobberich-Kaldenkirchen nach Venlo. Beide Transportwege waren im Krieg wichtige Stützen des Nachschubs an die Westfront, brachten der Stadt aber auch zahlreiche Luftangriffe ein.

3) Zudem hatte 1871 eine Nebenbahn ihren Betrieb durch die Kreisstadt aufgenommen – die Industriebahn – die von Krefeld-Hüls-St. Hubert kam und weiter nach Oedt-Süchteln führte. Ihr 46 Kilometer langes normalspuriges Streckennetz, aufgebaut seit 1868 von der Crefeld-Kreis Kempener Industrie-Eisenbahn-Gesellschaft, sollte dem lokalen Personen- und Güterverkehr nutzen; es sollte vor allem durch die zahlreichen Seidenweber mit ihren Rohstoffen und fertiger Ware benutzt werden, aber auch als Transportmittel der heimischen Betriebe und der Landwirtschaft dienen und damit den östlichen Teil des Kreises Kempen verkehrspolitisch erschließen. Die schließliche Streckenführung von Viersen über Süchteln, Oedt, Kempen, St.Hubert-Voesch, Hüls, Krefeld, St. Tönis und Vorst wieder nach Süchteln bildete einen vollständigen Kreis.


Diese Industriebahn bekam den Spitznamen Schluff; nach dem Krefelder Ausdruck für Hausschuhe oder Schluffen, in denen man zu schlürfen pflegt und nicht schnell vorankommt. An einen solchen Schlürf-Pantoffel erinnerte das zischende Geräusch der Lok. – 1880 wurden Strecken und Fahrzeuge nach einem Konkurs vom Frankfurter Bankhaus Erlanger & Söhne ersteigert, auf dessen Initiative als neue Betreiberin die Crefelder Eisenbahn-Gesellschaft gegründet wurde. 1881/82 erhielt die Industriebahn eine nördliche Abzweigung über Niep nach Moers, wodurch Moers erstmals an die Eisenbahn angeschlossen wurde.

Bild: Mit dem Schluff fahren täglich Arbeiter in die Industrieorte der Nachbarschaft. Hier die Lok der Industriebahn am 1882 errichteten Moerser Bahnhof der Krefelder Eisenbahn-Gesellschaft.

1933 wurde der Personenverkehr auf dieser Strecke wegen Unrentabilität eingestellt und durch Busse der 1931 gegründeten Krefelder Verkehrs AG ersetzt, im September 1939 nach Kriegsbeginn aber wieder aufgenommen. Der Grund: Viele Busse waren von der Wehrmacht für Militärtransporte eingezogen worden. Doch darf nicht vergessen werden, dass die Kempener Juden 1941 und 1942 ihren Weg in Ghettos und KZ mit dem Schluff vom Kempener Industriebahnhof aus antraten. Von dort ging es zum Südbahnhof Krefeld, 150 Meter zu Fuß zum Hauptbahnhof und von ihm mit dem planmäßigen Personenzug in reservierten Waggons nach Düsseldorf.

In den Fünfziger Jahren sanken die Beförderungszahlen im Personen- und auch im Güterverkehr drastisch ab. So kam es sehr früh zur Einstellung der Personenbeförderung auf der Schiene: Das betraf zum Beginn des Winterfahrplans 1949 die Teilstrecken Moers-Niep und Kempen-Süchteln-Viersen, wobei zwischen Oedt und Süchteln schon seit dem 15. Mai der Verkehr geruht hatte. Am 19. Mai 1951 endete der restliche Personenverkehr auf den Abschnitten Krefeld–Hüls–Kempen, gleichzeitig aber auch der Güterverkehr von Kempen bis Oedt.

Nach einer mehr als zehnjährigen Pause reduzierte man Stück für Stück auch den verbliebenen Güterverkehr. Am 1. September 1972 wurde der Verkehr zwischen Hüls und St. Hubert eingestellt, am 1. Dezember zwischen St. Hubert und Schauteshütte/An­schluss Kuhlendahl. 1981 endete der Restverkehr im Kempen, nur noch der Anschluss Arnold direkt am Bahnhof wurde noch bis zum 19. August 1985 bedient.

Die heute noch in Betrieb befindliche Strecke St. Tönis – Krefeld Nord – Hüls – Hülser Berg ist 13,6 km lang und dient fast ausschließlich den historischen Dampfzügen, die immer noch Schluff genannt werden und seit dem hundertjährigen Jubiläum 1968 an Sommersonntagen viele Fahrgäste in die Umgebung Krefelds befördern, seit 1980 regelmäßig jedes Wochenende im Sommer.

4) Vierte Bahnverbindung war die 1902 in Betrieb genommene Geldernsche Kreisbahn, deren Dampflok sich auf entgleisungs­anfälligen Ein-Meter-Schmalspurschienen von Kempen über die Schloot (Foto) nach Wachtendonk und weiter nach Straelen und Kevelaer quälte. Sie kommt für die Kriegszeit aber nicht mehr in Betracht, denn 1930 war das Unternehmen unrentabel geworden, die Geschäftsführung wurde durch die Krefelder Eisenbahn übernommen.
Die verlegte den Hauptpersonenverkehr von der Schiene auf eine Buslinie Kempen-Straelen bzw. Kempen-Hüls-Krefeld, die in Kempen über die Siegfried- bzw. Kurfürstenstraße führte, und stellte den Betrieb schließlich ganz ein. 1933 waren die Schienen abgebaut. Anfang Februar 1935 verkaufte die Kreisbahn ihr in Kempen gelegenes Gelände an die Stadt. Nur in der Kleinbahnstraße lebt die Erinnerung an das Bähnchen noch fort. – Zu Verwechslungen führt oft, dass auch die Geldernsche Bahn von der Bevölkerung liebevoll Schluff genannt wurde, wogegen die Industriebahn in Kempen meist Indust hieß.

Literatur
Heinz Bonners, Ein Foto erzählt Kempener Eisenbahngeschichte, in: HBV 49 (1998), S. 187-196, hier S. 188.
Alfons Breil, Planungen und Bau der Eisenbahnen in der Gemeinde Grefrath, Teil 1, in: HBV 37 (1986), S. 113-124.
Friedhelm Weinforth, Campunni – Kempen. Geschichte einer niederrheinischen Stadt, Bd. 1 (Schriftenreihe des Kreises Viersen 39,1), Viersen 1993, S. 288 ff.
Hans J. Stockschläger, Planungen und Bau der Eisenbahnen in Viersen, Dülken und Süchteln, Teil 2, in: HBV 47 (1996), S. 87-99. Alfons Breil, Planungen und Bau der Eisenbahnen in der Gemeinde Grefrath, Teil 2, in: HBV 38 (1987), S. 136-141.
Guido Rotthoff, Aus der Geschichte der Krefelder Eisenbahn, in: Krefelder Eisenbahn-Gesellschaft AG (Hg.): 100 Jahre Krefelder Eisenbahn 1868-1968; Krefeld 1968, S. 15-20.
Willi Schmidt, Vorst von anno dazumal bis heute, Bd. 1, Krefeld 1988, S. 130.
Jakob Hermes, Die ehemalige Geldernsche Kreisbahn, in: Ders., Das alte Kempen, Krefeld 1982, S. 69-73. – Zu den beiden Nebenbahnen s. auch Weinforth, Campunni – Kempen, Bd. 1, S. 290-293.
Joseph van Mierlo, Die „Penne“ in den dreißiger Jahren. Geschichte des Gymnasiums Thomaeum in Kempen: HBV 51 (2000), S. 97-105, hier S. 99.


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