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Franziskanerkloster nach Bombenangriff

„Mit unserem Jung haben wir alles verloren…“
Über das Gedenken an die Kempener Opfer des Zweiten Weltkrieges
Von Hans Kaiser
(Erstveröffentlichung: Heimatbuch Kreis Viersen 63/2012, S. 215 - 248)

1. Einführung
Deutschlands neuere Geschichte ist gekennzeichnet durch Kriege: Durch den Krieg gegen Frankreich, der 1871 zur deutschen Einigung und Gründung des (zweiten) deutschen Kaiserreichs führte; durch den Ersten Weltkrieg (1914 – 1918), der durch machtpolitische Gegensätze im europäischen Staatensystem ausgelöst wurde und der hauptsächlich dadurch, dass Deutschland den Versailler Friedensvertrag als ungerecht empfand, zum Geburtshelfer des Zweiten (1939 – 1945) wurde.
Unser Bewusstsein ist immer noch nachhaltig geprägt durch diesen Zweiten Weltkrieg und das „Dritte Reich“, in das er eingebettet war. Vor allem, weil die Zahl der Opfer von Krieg zu Krieg anstieg und im letzten einen entsetzlichen Höhepunkt erreichte.
Der folgende Beitrag will die Frage aufwerfen, wie Kempen mit den Opfern dieser Kriege bisher umgegangen ist - vor allem mit der größten Gruppe, also mit den Opfern des Zweiten Weltkrieges. Was ist in der Vergangenheit geschehen, um das Gedächtnis an sie zu bewahren? Was wird in der Zukunft geschehen, um Versäumtes nachzuholen? Am Schluss des Beitrages soll schließlich versucht werden, den notgedrungen abstrakten Begriff „Kriegsopfer“ durch die Darstellung konkreter Schicksale mit Inhalt zu füllen.

2. Zum Dokumentationsstand der Kempener Opfer des Zweiten Weltkrieges
2.1. Verzeichnisse
2.1.1. Hubert Brünens Liste der Kriegstoten
Die größte Gruppe der ums Leben gekommenen Kempener bilden auch im Zweiten Weltkrieg die Soldaten. Von den 9867 Einwohnern, die die Stadt Kempen bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 zählte, (1) sind grob geschätzt 2700 bis Februar 1945 zum Militär eingezogen worden. (2) Wie viele von ihnen durch Waffeneinwirkung, durch Unfall im Dienst, durch Krankheit während der Dienstzeit oder in Gefangenschaft umgekommen sind, ist auch 66 Jahre nach Kriegsende nur annähernd zu dokumentieren. Zwar hat mit großer Akribie der frühere Leiter des Hauptamts Hubert Brünen eine Liste Kriegstote 1939 – 1945 angefertigt. (3)

Die führt in alphabetischer Folge die Namen, Geburts- und Todesdaten von 713 Kriegsopfern aus Kempen und Schmalbroich auf: 121 Luftkriegstote, sieben Opfer des Holocaust und vier Bürger, die ihr Leben durch politische Verfolgung verloren; zehn verstorbene ausländische Kriegsgefangene bzw. (Zwangs-) Arbeiter (darunter drei unbekannte russische Kriegsgefangene) und als größte Zahl 571 zu Tode gekommene Soldaten. (4)
Da diese Liste auch Einwohner anderer Orte enthält, die in Kempen zu Tode gekommen sind, da sie zudem die Kriegsopfer vermerkt, die heimatvertriebene oder aus der DDR geflohene Bürger in ihrer Familie zu beklagen haben, kommt sie auf insgesamt 961 Namen. Aber trotz aller Arbeit, die Hubert Brünen hier aufgewandt hat, ist sein Verzeichnis unvollständig. Heute wissen wir, dass aus Kempen nicht nur sieben, sondern 29 namentlich bekannte jüdische Bürger von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. (5)
Auch fehlen die Anschriften der aufgeführten Toten; Ort und Umstände ihres Todes sind nicht festgehalten. Zudem ist bei 20 der aufgeführten Soldaten ungeklärt, ob sie während des Krieges überhaupt Kempener oder Schmalbroicher Bürger waren.

2.1.2. Das Eiserne Buch der Stadt Kempen
Wie sieht es mit Dokumenten aus der Kriegszeit aus? Als am 3. September 1939 der erste Soldat aus Kempen im Polenfeldzug den Tod gefunden hatte, kam in seiner Heimatstadt in Erinnerung, dass man nach 1918 ein Ehrenbuch für die Gefallenen des damaligen Weltkrieges angeschafft, diese aber in ihm noch nicht eingetragen hatte. Das sollte jetzt nachgeholt werden und eine Fortsetzung mit den Gefallenen der jetzt ausgebrochenen Kriegs finden. So wurde in dem dickleibigen Folianten, der bereits den Titel trug: Das Eiserne Buch der Stadt Kempen. Krieger/Ehrenbuch und Chronik über die Weltkriegsjahre 1914 – 1919 mithilfe der Standesamtsregister eine Liste der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs eingetragen und dann mit einem Verzeichnis zum Zweiten Weltkrieg begonnen.

Weit kam man damit nicht. Der Polen-Feldzug weitete sich zu einem regelrechten Krieg mit verschiedenen Fronten und langwierigen Gefechten, und damit hatte kaum jemand gerechnet. Die Aufsplitterung der Kämpfe auf verschiedene Schauplätze, die Entfernung der Fronten zur Heimat und die oft unübersichtlichen Kampfhandlungen machten eine Benachrichtigung häufig schwierig, manchmal auch unmöglich. Unter der Überschrift Es fielen im Kampf für Führer und Reich folgende Söhne der Stadt Kempen stehen in Schönschrift nur 63 Namen, bei denen der militärische Dienstgrad, die Geburts- und Sterbedaten und der Sterbeort vermerkt sind. Bei einigen findet sich auch ein knapper Hinweis auf die Todesursache. Die Heimatadresse fehlt. Als erster wird August Hüskes genannt, der zwei Tage nach Beginn des Krieges in Polen starb; als letzter der SS-Rottenführer Werner Widdershoven, gefallen am 9. März 1942 in Russland. Dann folgen noch 45 undatierte Namen.
Spätestens hier wird klar: Das ursprüngliche Vorhaben, aus den einlaufenden Nachrichten vom Tod Kempener Soldaten eine exakte, chronologisch fortlaufende Liste zu erstellen, hatte sich rasch als unausführbar erwiesen. Die Daten für das Ehrenbuch sollte ja das Kempener Standesamt liefern. Das aber musste sich an den Dienstweg halten, d.h. es durfte sich bei der Erstellung seiner Sterbeurkunden nicht auf die mündlichen Mitteilungen von Angehörigen stützen oder auf Briefe von der Front; es musste seine Informationen von staatlichen Einrichtungen beziehen wie der Deutschen Dienstelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der Wehrmacht in Berlin. Aber deren Benachrichtigungen trafen oft erst nach Monaten oder nach Jahren ein, viele sogar erst nach Kriegsende. Heute wird das Buch, das auf seinem ledernen Einband ein den Krieg verherrlichendes aufgeprägtes Schwert trägt und als Vorwort ein umfangreiches Zitat Adolf Hitlers, im Kreisarchiv Viersen aufbewahrt.

2.1.3. Kaplan Siepens Kriegschronik
Ergiebiger als die damaligen Aufzeichnungen der Stadtverwaltung sind die der katholischen Kirchengemeinde. Am 16. Oktober 1939 hatte das bischöfliche Generalvikariat in Aachen seine Pfarreien angewiesen, Kriegschroniken zu führen. (6)

In Kempen wurde der jüngste Kaplan damit beauftragt: Paul Siepen, der seit 1935 Kaplan in Kempen war und später - von 1952 bis 1977 - Pfarrer in Willich. (7)
Der junge Geistliche nahm seinen Auftrag genau und hängte der Aufführung bemerkenswerter Ereignisse in seiner Kirchengemeinde ein Verzeichnis der Gemeindemitglieder an, die durch den Krieg zu Tode gekommenen waren: Insgesamt 451 Namen. Wenn also Angehörige eines Gefallenen zum Propst Wilhelm Oehmen kamen, ihm eine schriftliche Benachrichtigung zeigten – etwa den Brief des Kompaniechefs – in der ihnen der Tod des Vaters, Bruders oder Sohnes mitgeteilt worden war und um eine Totenmesse baten, schickte Oehmen sie nach der Festlegung des Messe-Termins zu Siepen, damit dieser den Namen des Gefallenen mit Todesdatum und –ort, aber auch die Umstände des Todes in seiner Chronik verzeichnete. Das verleiht der Siepenschen Totenliste eine seltene Intensität.
Denn während die Sterbeurkunden des Standesamtes als Todesursache nur Leerformeln aufführen wie Gefallen auf dem Felde der Ehre oder Seiner Verwundung erlegen, wird der Leser in Siepens Verzeichnis immer wieder mit konkreten Aussagen zu Sterben und Leiden konfrontiert. „Am 2. Februar 1943 gefangen genommen in Stalingrad“, vermerkt der Kaplan zum Schicksal des 22 Jahre alten Gefreiten Hans Günter Steckelbroeck, Am Gymnasium 25, und setzt hinzu: „14 Tage später zu Dubowka verhungert, dort beigesetzt.“ Dagegen ist der Gefreite Michael Joseph Werkes, Klixdorf 38, am 23. März 1943 in Russland mit einer Bauchschussverletzung qualvoll während des Krankentransportes verstorben und in Nowo Lissino 50 km südöstlich Leningrad beerdigt worden. - Zwei Beispiele von vielen. Da versteht man schon eher, was „Krieg“ bedeutet. Ebenso anrührend wirken die Briefe, die der Chronist hier und da im Wortlaut in seine Aufzeichnungen einfügt - wie die Mitteilung, mit dem der Kempener Familie Hermes ihr Sohn Willy als vermisst gemeldet wird. Der Feldwebel Willy Hermes war Pilot eines Jagdflugzeugs Me 109. Bei einem Luftkampf am 30. September 1940 östlich von Portland haben die Kameraden ihn aus den Augen verloren. Am 5. Oktober erhält seine Familie die Mitteilung des Staffelkapitäns, dass er vermisst sei. Wie in solchen Situationen üblich, versucht der Briefeschreiber, der Oberleutnant Siegfried Bethke, den Hinterbliebenen Mut zu machen: Hermes’ Maschine habe sicherlich nur einen Motorschaden erlitten, möglicherweise sei sie ja auch von einem Engländer beschädigt worden, auf jeden Fall habe er über sicherem Land mit dem Fallschirm aussteigen oder notlanden können. (8) Aber Willy Hermes kommt nicht zurück.

2.1.4. Versuch eines abschließenden Verzeichnisses

Ob wir je die genauen Zahlen Kempener Kriegsopfer erfahren werden, steht dahin. Lücken sind nicht zu vermeiden. Immer wieder machen Zeitzeugen darauf aufmerksam, dass sie in den Verzeichnissen von Siepen und Brünen Angehörige oder Bekannte vermissen, die im Krieg geblieben sind. Aber alle Opfer des Krieges haben ein Anrecht darauf, verzeichnet und damit für das Gedächtnis der Nachwelt festgehalten zu werden. Um endlich eine möglichst genaue und umfassende Übersicht zu bekommen, habe ich versucht, eine abschließende Kriegsopferliste für die Stadt Kempen und die Gemeinde Schmalbroich zu erstellen. Dabei sollten nicht nur Namen und Todesdaten aufgeführt werden, sondern auch das Alter und die Heimatadresse der zu Tode Gekommenen, ihr bürgerlicher Stand bzw. militärischer Dienstgrad und die Ursache, aber auch, wenn überliefert, die Umstände ihres Sterbens. Namen allein bleiben abstrakt, wenn sie nicht durch einen biographischen Hintergrund ein Gesicht bekommen.
Diese Absicht verfolgend, habe ich im Winter 2010/11 im Kreisarchiv Viersen die Sterbebücher des Kempener Standesamtes von 1939 bis 1980 gesichtet – unter großzügigen und flexiblen Arbeitsbedingungen, für die ich mich herzlich bedanke. Dazu kam die Auswertung weiterer Quellen wie mündlicher und schriftlicher Zeitzeugenberichte, Briefe und der Totenzettel-Sammlung des Kreisarchivs. Ebenso zuvorkommend wurde mir im Kempener Propsteiarchiv die Durchsicht der dort aufbewahrten Totenzettel ermöglicht. Eine Reihe bis dahin unbekannter Namen gefallener Soldaten lieferte noch ein aufwändig gestaltetes Verzeichnis von Grabstätten, das die Stadt Kempen im Oktober 1965 in Broschürenform herausgegeben hatte. (9)
Auch diese verdienstvolle Arbeit geht auf Hubert Brünen zurück. Seit 1938 war er Kempener Geschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. In dieser Eigenschaft hatte er seit 1961 Jugendlager in Frankreich organisiert und geleitet. Als Reiseleiter zahlreicher Kriegsgräberfahrten hatte er die wichtigsten Soldatenfriedhöfe in Europa und Nordafrika nach Kempener und Schmalbroicher Gefallenen abgesucht (10) und deren Daten in dieser Broschüre zusammengestellt, liebevoll eingerahmt von Beschreibungen der Grabstätten und von Texten des Gedenkens.
Nach Auswertung aller bekannten Quellen und Veröffentlichungen liegt nunmehr eine alphabetisch geordnete Liste vor, die (ohne die Opfer des Holocaust) 640 Namen aus Alt-Kempen und Schmalbroich aufführt. Sie ist als Anhang eines Buches geplant, das in Bälde unter dem Titel Kempen unterm Hakenkreuz herauskommen soll. Weil es hier nur um den Zeitraum von 1933 bis 1945 geht, habe ich mich auf die Kriegsopfer beschränkt, die durch ihre Adresse oder zumindest durch die Ermittlung des nächsten Angehörigen als Einwohner der Stadt Kempen bzw. der Gemeinde Schmalbroich während des Zweiten Weltkrieges erwiesen sind. Die größte Gruppe sind 505 Soldaten. Die meisten verloren ihr Leben durch Waffengewalt des Gegners, durch Unfall oder durch Krankheit. Andere waren als vermisst gemeldet worden, so dass die Angehörigen sie schließlich für tot erklären ließen. Eine ganze Reihe ist noch nach Beendigung der Kampfhandlungen ums Leben gekommen wie Wilhelm Theodor Larmann (35), Umstr. 24, der am 10. April 1945 in russischer Gefangenschaft im niederschlesischen Schmottseifen erschossen wurde. Noch am 8. August 1945 starb in Kempen der zweiundzwanzigjährige Jakob Schlickers an einem Lungenschaden, den er sich 1944 als Flakkanonier durch einen Rohrkrepierer seines Geschützes zugezogen hatte. Bei der Verstorbenen können auch die Friedhöfe genannt werden, auf denen sie endgültig bestattet sind. 164 Soldaten, die im Brünen’schen Sammelverzeichnis aufgeführt sind, konnten hier allerdings nicht eingeordnet werden, da eine Quelle nicht auffindbar war. Um ihre Adresse zu ermitteln und ihre Todesumstände zu klären, wären weitere aufwändige Recherchen notwendig. Etwa beim Amtsgericht, wo eine große Gruppe mit Wirkung vom 31.12. 1945 für tot erklärt wurde, und durch private Umfragen.
Hans Kleinbielen

Die zweite Gruppe sind 113 Luftkriegstote, von denen sechs ausländische Zwangs- oder Fremdarbeiter sind. Berücksichtigt sind schließlich noch andere, durch den Krieg ausgelöste Todesumstände. So starb am 13. April 1945 in Schmalbroich der Landwirt Karl Georg Riekelen (53) durch einen Messerstich, den er bei einem Überfall durch befreite Ostarbeiter in der Herzgegend erlitt. Ein Mann und eine Frau wurden beim Einmarsch der amerikanischen Soldaten von diesen erschossen – wahrscheinlich durch Missverständnisse.
Separate Listen führen Namen und Schicksale von sieben Euthanasie-Opfern auf, von 29 jüdischen BürgerInnen, die ihr Leben im Ho­lo­caust verloren (Siehe auch hier: Spurensuche) und von sechs Todesopfern politischer Ver­fol­gung. Wie den drei polnischen Fremd­arbeitern, die durch Gestapo und NS-Justiz verfolgt und hingerichtet wurden, weil man ihnen intimen Verkehr zu deutschen Frauen vorwarf. (11)
Damit sind für Alt-Kempen, wie es zu Beginn des Krieges in Personalunion mit Schmalbroich verwaltet wurde, 669 Opfer des Krieges und des NS-Terrors konkret nachzuweisen. Würde man die im Brünen`schen Verzeichnis aufgeführten 164 Soldaten dazunehmen, die zurzeit in den Quellen nicht aufzufinden sind, gäbe es in Kempen und Schmalbroich 833 Opfer von Krieg und Terror. Das entspricht, wenn man für die beiden Gemeinden für die Kriegszeit von einem durchschnittlichen Einwohnerstand von 12.500 ausgeht, 6,6 Prozent der damaligen Bevölkerung. Unklarheiten bleiben. So sind von den 76 Opfern des Zweiten Weltkrieges, die auf dem 1954 an der Mülhauser Straße angelegten Ehrenfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, 29 in dem sonst sehr zuverlässigen Gesamtverzeichnis von Heinrich Brünen nicht aufgeführt. Darunter sind drei unbekannte russische Soldaten; mehrere deutsche Soldaten, die während des Krieges in Kempen verstorben sind oder die bei der Verteidigung der Stadt gegen die vorrückenden Amerikaner am 2./3. März ums Leben kamen; und Angehörige Ostvertriebener.
Soweit der derzeitige Stand der Opferdokumentation, die fraglos weiterer Ergänzungen bedarf. Bleibt die Frage, wie die vorliegenden Ergebnisse genutzt werden können. 66 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und des Dritten Reiches stünde es der Stadt Kempen gut an, deren Opfer in einer angemessenen Weise zu gedenken.
Am 18. November 2010 regte die Leiterin des Kempener Kulturamtes, Frau Dr. Elisabeth Friese, in der Sitzung des Kulturausschusses an, für die gesamte Stadt Kempen – ohne Unterscheidung der Stadtteile - eine alphabetische Liste der Namen, ergänzt um deren Lebensdaten, zu erstellen. Zu diesem Konzept war die Verwaltung nach Besprechungen mit den Vorsitzenden der Heimatvereine in St. Hubert, Tönisberg und Schmalbroich gekommen. Ein so gestaltetes Verzeichnis freilich wäre aus der Sicht des Verfassers unhistorisch. Für die durch den Krieg ums Leben Gekommenen wie für ihre Hinterbliebenen war ihre Heimatgemeinde das Lebenszentrum, nicht aber die am 1. Januar 1970 durch die kommunale Neuordnung aus vier Alt-Gemeinden hervorgegangene Stadt Kempen. Die Konstituierung eines Groß-Kempen vor 1945 wäre nur sinnvoll, um Zweifelsfälle auszuschließen, in denen die Zugehörigkeit eines Kriegsopfers zu einer bestimmten Alt-Gemeinde unklar ist. Von solchen Fällen gibt es meines Wissens nur einen: Den des sechzehnjährigen Bäckerlehrlings Heinz Grefermann, der in St. Hubert bei seinen Eltern aufgewachsen war, aber seit Antritt seiner Lehre bei seinem Lehrherrn, dem Bäckermeister August Wiedefeld, Judenstr. 6 /Ecke Alte Schulstraße lebte und dort auch als wohnhaft gemeldet war. Am Vormittag des 8. November 1944 wurde Grefermann bei einem Jabo-Angriff von Bombensplittern getroffen und verblutete mit zerfetztem Unterleibe im Eingangsbereich der Gaststätte Sieben, heute La Piazza. Er ist zwar mit einem eigenen Grabkreuz auf dem Ehrenteil des St. Huberter Friedhofs begraben, (12) aber sein Wohnsitz war zum Zeitpunkt seines Todes seit zwei Jahren Kempen, und das dürfte den Ausschlag geben. (13)
Auch wäre es sicherlich nicht sinnvoll, in ein abschließendes Gesamtverzeichnis die von 1939 bis 1945 durch Krieg und Terrror umgekommenen Angehörigen von Bürgern aufzunehmen, die erst nach dem Krieg nach Kempen gekommen sind. Ich sage dies, obwohl ich selbst aus einer aus dem Osten vertriebenen Familie stamme, die Angehörige durch den Krieg verloren hat. Aber wo wollte man dann eine Grenze ziehen? Dann darf man nicht die Bürger mit Migrationshintergrund außen vor lassen: Die aus Italien stammende Familie, deren Großvater bei El Alamein gefallen ist; die deutsch-russischen Bürger, deren Vorfahren ihr Leben im Dienste der Wehrmacht oder der Roten Armee verloren oder die den Strapazen der Zwangsumsiedlung nach Kasachstan erlagen – und davon gibt es in Kempen einige.


Dokumentation 2.2. siehe hier: Ehrenmale
2.3. Denk- und Gedenkprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg

2.3.1. Verdrängen und Beschönigung
Am 3. März 1945 wurde Kempen von den Amerikanern besetzt; für die Stadt war der Krieg zu Ende. Allmählich enthüllte sich die furchtbare Wahrheit. 3.250.000 deutsche Soldaten waren im Dienste eines verbrecherischen Regimes gefallen, und in der Zivilbevölkerung hatte Hitlers Krieg noch mehr Opfer gekostet: 3.640.000. In ganz Europa waren fast 40 Millionen Menschen durch den Krieg umgekommen, der von Deutschland ausgegangen war. Nun sollte man meinen, dass in der Bevölkerung ein Umdenken eingesetzt hätte, dass Bestürzung und Trauer die alte Glorifizierung des Sterbens als „Kampf fürs Vaterland“, als „Heldentod“ ersetzt hätten. Aber zu einer wirklichen Verarbeitung der Katastrophe ist es in Deutschland damals nicht gekommen. Warum nicht, haben 1967 Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrem wegweisenden Buch „Von der Unfähigkeit zu trauern“ dargestellt. Sie haben gezeigt, dass Schuldgefühle, Angst und Scham statt in Trauerarbeit in Selbstmitleid umgesetzt wurden. Man brachte es nicht fertig, eine Sache, für die man sich zunächst voll und ganz eingesetzt hatte, zu verurteilen. Hätte man das geschafft, hätte man auch einen Teil seiner Lebensarbeit verwerfen müssen. Vor allem aber hätte man sich klar machen müssen, dass der Sohn, der Ehemann, der Bruder ihr Leben unnötig geopfert, noch schlimmer: für eine verbrecherische Sache hingegeben hätten. So fühlte man sich als Opfer – eines Systems, das man doch mitgetragen hatte.
Deutsche Soldatengräber 1942 auf dem Hel­den­fried­hof Smolensk. Unter dem Kreuz vorne links ruht der Feldwebel Jürgen Ledschbor aus Kem­pen, Burgstr. 14. Ledschbor wurde am 9. Sept. 1942 bei einem Bombenangriff schwer ver­wun­det und verstarb am 29. September im Kriegs­la­za­rett Smolensk.

Das ist in Kempen nicht anders gewesen. Am berufensten, über das Verhängnis des „Dritten Reiches“ und des von ihm entfesselten Krieges aufzuklären, wäre Gottfried Klinkenberg gewesen – seit 1932 Stadtarchivar und Museumsleiter, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Chronik Kempens während des Weltkrieges zu führen. Er war beileibe kein Nazi. In den Listen der Kempener NSDAP-Ortsgruppe taucht sein Name nicht auf, was für einen Lehrer im „Dritten Reich“ ungewöhnlich ist. Aber er war national-konservativ wie die meisten in der Beamtenstadt damals, und eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit konnte man von ihm nicht erwarten. Das galt für die überwältigende Mehrzahl der Kempener Bürger. Mehr oder weniger waren sie doch alle in das nationalsozialistische Unwesen verstrickt worden. Zudem standen sie ihrem Wohnort emotional so nah, dass sie schlicht nicht in der Lage waren, sich auch nur in Teilbereichen negativ über ihn und ihre Mitbürger zu äußern. Entsprechend positiv war ihre Sicht des „Dritten Reiches“ in der Vaterstadt. Als Gottfried Klinkenberg am 10. April 1949 – vier Jahre nach Kriegsende – auf der Frühjahrsversammlung des Kempener Geschichts- und Museumsvereins einen Vortrag zum Thema „Kempen während des letzten Krieges“ hielt, ließ er nochmals die zunächst siegreichen glücklichen (!) u. dann immer mehr dem bitteren Ende zustrebenden Ereignisse vorüberziehn. (31)
In seinen Manuskripten glorifizierte er während des „Dritten Reiches“ dessen Organisationen („Heute ist nicht nur jeder Junge stolz auf seine Zugehörigkeit zur HJ, sondern auch die Mädel folgen mit Begeisterung dem Fähnlein ihres BdM“ (32) und verharmloste nach dem Krieg, als Auschwitz jedem ein Begriff sein musste, den Holocaust der jüdischen Bürger, denen es nicht gelungen war, ins Ausland zu entkommen. („Die Zurückgebliebenen wurden nach Kriegsbeginn als feindliche Ausländer behandelt.“) (33)
Eine solche Einstellung dürfte in den Jahren nach dem Krieg vorherrschend gewesen sein – nicht nur in Kempen. Eine Haltung, die kritikwürdig ist. Aber vor dem erhobenen Zeigefinger sei gewarnt. Wer die Davongekommenen wegen ihrer Verdrängungsmechanismen kritisiert, sollte auch selbstkritisch sein und sich fragen, wie er selbst an ihrer Stelle gedacht hätte, kurz nach dem als Katastrophe empfundenen Kriegsende und geprägt von einer ähnlich nationalkonservativen und lokalpatriotischen Haltung. Zu verurteilen sind dagegen Verhaltensweisen, die geschmacklos erscheinen und deshalb nachdenklichen Zeitgenossen schon damals fragwürdig vorkamen. Unten wird ausführlicher die Rede von dem aus Kempen stammenden Architekten und SS-Obersturmbannführer Max Kiefer sein, der von den Amerikanern zu lebenslanger Haft verurteilt, aber auf Drängen zahlreicher Persönlichkeiten und Gremien schon 1951 aus dem Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis entlassen worden war. In Kempen ging nach dem Krieg das Gerücht um, er habe Gaskammern entworfen. Aber wenn er die Heimatstadt besuchte und mit seinem Bruder in seine alte Stammkneipe Loerper am Markt kam, in der Nähe des Georgsbrunnens, wurde er dort mit großem Hallo empfangen. (34)
Insgesamt ist festzuhalten: Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand nicht statt. Das ist der Hintergrund dafür, dass die Kempener auch nach dem Krieg ihrer Kriegstoten an dem vor der Burg errichteten Denkmal aus der NS-Zeit gedachten. Man sah nicht die Gefahr, dass man unter dem Leitmotiv „Den Helden des Weltkrieges…“ unfreiwillig eine Deutung übernahm – eine Heroisierung des Krieges – die das eigene Volk in den Abgrund geführt hatte.


2.3.2. Umdenken setzt ein
15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde schließlich der Versuch unternommen, einen Ort des Gedenkens an seine Opfer zu errichten – vom Begriff „Helden“ war man abgekommen. Wahrscheinlich im Sommer 1960 (35) errichtete der Kempener Heimkehrerverband an der Stelle, wo am 10 Februar 1945 das Zentrum des schwersten Luftangriffs auf Kempen gelegen hatte – an der Mündung der Ellenstraße zum Möhlenring hin – ein schlichtes Mahnmal. Die Initiative dazu war von dem damaligen Stadtdirektor Klaus Hülshoff ausgegangen; der 1991 verstorbene Erich Renkes, Erster Vorsitzender des Heimkehrerverbandes, hatte als Inschrift einen kurzen Appell ausgesucht: „Euer Opfer sei uns Mahnung um Frieden.“ Im Zuge der Auflösung des Kempener Heimkehrerverbandes wurde das Mahnmal 2003 der Stadt übergeben.

Die Ehrenanlage an der Burg wurde nicht erweitert, sondern nur ergänzt. Unter dem Stadtwappen am Turmstumpf wurde ein Eisentäfelchen eingelassen, das eine Gestalt zeigt, die einen Kriegsgefangenen darstellt und die Aufforderung: „Gedenket der Gefangenen“. (36)
An der Mauer hinter dem Basaltblock fügte man eine neue Tafel zwischen weiteren Konsolen mit der Inschrift Zum Gedenken an die Gefallenen und Opfer der Stadt Kempen im Weltkrieg 1939 – 45 ein. Wann das genau geschehen ist, kann man einstweilen nicht feststellen; bei der Stadt sind Unterlagen darüber nicht vorhanden. Aber 54 Jahre nach seiner Errichtung vergingen, bis man in Kempen das den Krieg verherrlichende Monument selbst bedenklich, zumindest aber erklärungsbedürftig fand. Umgestalten wollte man das Ehrenmal nicht, denn mittlerweile war es ja selbst zum steinernen Dokument geworden – wenn auch einer düsteren Zeit. (37) Um zu dieser Vergangenheit Stellung zu beziehen, wählte der Kempener Stadtrat einen glanzvollen Tag: Das Fest der 700jährigen Stadterhebung, das wie das Datum der geplanten Einweihung im Jahre 1939 zufällig auch auf einen 17. September fiel. (38)
Daher ist seit dem 17. September 1994 auf einer Bild-Text-Tafel, neben dem Ehrenmal auf einer Konsole angebracht, ein Kommentar zu lesen. Unter dem zerstörten Gesicht eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg heißt es da: „Das nebenstehende Ehrenmal mit der Aufschrift ‚Den Helden des Weltkrieges 1914 – 1918’ sollte am 17. September 1939 eingeweiht werden. Dazu kam es nicht, weil Deutschland erneut in einen Weltkrieg verstrickt worden war. - Heute wissen wir: In keinem Krieg gibt es Helden. Es gibt nur Opfer. Der Denkmalausschuss der Stadt Kempen am Tage der Feier zur 700jährigen Stadterhebung.“ – In diesem Sinne findet auch heute noch – alle vier Jahre – hier die Ehrung der Kriegsopfer am Volkstrauertag statt. Durch die Ergänzungen der Anlage aber ist eine seltene Breite der historischen Aussage entstanden (Ulrich Stevens) – eine Art Spiegelbild jüngster deutscher Geschichte.

2.3.3. Ehrenfriedhöfe
Bereits Anfang September 1939 hatte Kempens Bürgermeister Dr. Gustav Mertens durchgesetzt, dass auf dem neuen katholischen Friedhof an der Mülhauser Straße ein Ehrenhain für die in Kempen verstorbenen oder nach Kempen überführten Soldaten errichtet wurde – gegen den Willen von Propst Wilhelm Oehmen, der sich für eine Beerdigung auf dem zuständigen evangelischen bzw. katholischen Friedhof ausgesprochen hatte, wie es auch im Ersten Weltkrieg gehalten worden war. (Damals hatte die evangelische Kirche noch einen eigenen, kleinen Friedhof an der heutigen Kerkener Straße.) Geplant war zu Beginn des Krieges, dass eine Parzelle oben rechts vom Friedhofskreuz Platz für 32 Tote bieten sollte. Doch der Krieg wuchs sich aus, und er forderte mehr Opfer als erwartet.

So kam es 1954 zu einer Neuanlage. Bei der endgültigen Gestaltung der Ehrenanlage fanden hier 126 Kriegstote des Ersten und des Zweiten Weltkrieges ihren Platz: „Bei den Kriegstoten handelt es sich um 53 Opfer der Zivilbevölkerung, die durch die Bomben des Luftkriegs getötet wurden, und 22 Soldaten des Ersten und 23 Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die in Kempen gefallen oder gestorben sind. 7 dieser Kriegstoten wurden vom Sterbeort nach Kempen überführt und beigesetzt. 5 Gefallene wurden zunächst am Sterbeort bestattet und später nach Kempen umgebettet. 3 Tote niederländischer, 5 Kriegsopfer polnischer und 8 verstorbene Kriegsgefangene russischer Nationalität haben ebenfalls auf der Ehrenanlage ihre letzte Ruhe gefunden.“ (39)

2.4. Ein neues Mahnmal-Projekt
Angesichts der schwierigen Quellenlage schien es lange Zeit nicht möglich, die Opfer des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Terrors mit ihren Namen festzuhalten, wie es mit den Gefallenen des Ersten Weltkriegs geschehen war. Den Anstoß zu einem neuen Mahnmal-Projekt gab schließlich eine Gedenkminute, die 2007 die Angehörigen des Volksschuljahrgangs 1936/37 im Rahmen eines Treffens am Ehrenmal an der Ellenstraße abhielten. (40)

Daraus entstand eine Bürgerinitiative. Hauptsächlicher Aktivist und Ansprechpartner wurde der pensionierte Metzgermeister und Geschäftsinhaber von der St. Huberter Straße Robert Koth. Im Mai 2010 führte er mit anderen Teilnehmern Gespräche mit dem Archivar des Kreises Viersen, Herrn Dr. Gerhard Rehm, und mit dem Kempener Bürgermeister Volker Rübo, im Juni mit der Leiterin des Kempener Kulturamtes, Frau Dr. Elisabeth Friese. Am 1. September 2010 nahm die Gruppe Kontakte zu mir auf. Das Ergebnis war mein oben (Abschnitt 2.1.4.) dargestellter Versuch, eine abschließende, detaillierte Liste der Kempener Kriegsopfer zu erstellen. Im November 2010 erhielt Bürgermeister Rübo einen Brief, in dem Koth im Namen der Initiative anregte, die Namen der Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges an angemessenem Ort auf einer oder mehreren Tafeln für jedermann sichtbar anzubringen, und bat um Weiterleitung dieses Vorschlages an die Kempener Ratsfraktionen. Ein Gespräch mit den zuständigen Vertretern der Verwaltung im Rathaus folgte (7. April 2011) und eine Begehung des vorhandenen Mahnmal-Geländes vor der Burg (18. April 2011). Die Initiative hatte für die Errichtung einer solchen Gedenkstätte zunächst einen Platz in der Nähe des Mühlenturms am Möhlenring ins Auge gefasst; der Platz an der Burg erschien ihr zu abgelegen. Nun kam man überein, dass ein solches Mahnmal doch im Bereich der schon vorhandenen Gedächtnisstätte an der Burg an deren nördlichen Begrenzungsmauer neben den Tafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu errichten sei. Mit seinem Entwurf wurde der in Düsseldorf lebende Designer Patrick Rath beauftragt, ein Sohn der Stadt Kempen, der 1998 auch schon ein Modell des mittelalterlichen Petertors, vom Kempener Werbering finanziert, an dessen historischem Standort geschaffen hatte. Am 7. Juni 2011 beriet der Kempener Kulturausschuss in seiner Sitzung über das kurzfristig auf die Tagesordnung gesetzte Projekt; am 12. Juli 2011 gab der Stadtrat dem Vorhaben grünes Licht.

2.5. Ehrung auch für „Kriegsverbrecher“?
Das Projekt, auch ein Mahnmal für die Toten des Zweiten Weltkrieges zu schaffen, fand unter den Kommunalpolitikern und in der Verwaltungsspitze nicht nur Befürworter. Als Gegenargument wurde vorgebracht, dass dann ja Kriegsverbrecher und Kriegsopfer nebeneinander verzeichnet wären. Der Einwand hat etwas für sich. Vor kurzem hat ein Buch auf der Grundlage von 17.500 Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener überzeugend nachgewiesen, dass auch die Wehrmacht massenhaft an Verbrechen beteiligt war. (41)

Spätestens seit dieser verstörenden Dokumentation müssen wir uns damit abfinden, dass deutsche Soldaten sich während des Zweiten Weltkrieges in hohem Maße an der Bevölkerung der besetzten Länder vergangen haben. Seitdem das Hamburger Institut für Sozialforschung zwischen 1995 und 1999 in mehreren deutschen Städten die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ gezeigt hat, ist der Nimbus vom „sauberen deutschen Soldatentum“ ohnehin nicht mehr zu halten – auch wenn es gegen diese Erkenntnis immer noch wütende Proteste gibt. Wir können nicht ausschließen, dass unter den 571 gefallenen Kempener Soldaten auch solche sind, die gemordet und vergewaltigt haben. Das zu hören mag in Kempen befremden. Aber Menschen werden nicht besser dadurch, dass sie aus einer bestimmten Stadt kommen.
Doch muss darauf hingewiesen werden, dass wir nur von einem Kempener wissen, dem von offizieller Seite der Status eines Kriegsverbrechers beigelegt wurde. Die Rede ist von dem Architekten Max Kiefer, 1889 geboren als Sohn eines Händlers für Installations- und Haushaltswaren, der sein Geschäft an der Engerstraße 53 betrieb. (42)

Auf ihn soll hier nur eingegangen werden, um zu zeigen, wie problematisch der Begriff „Kriegsverbrecher“ sein kann.
Max Kiefer war ein fähiger Architekt. In Kempen erbaute er die damalige Knabenvolksschule, die von 1933 bis 1945 Adolf-Hitler-Schule hieß und heute Martinschule. Infolge der Wirtschaftskrise längere Zeit arbeitslos, nutzte er 1933 wie so viele die nationalsozialistische Machtergreifung als Karriereleiter, ging nach Berlin und entwarf zunächst Bauten für die im Geheimen entstehende Luftwaffe, bis er im Juli 1935 zur SS wechselte. Zu diesem Zeitpunkt war er schon ein Protegé und Vertrauter des berüchtigten SS-Führers Dr. Ing. Hans Kammler, der später in Stollen unter dem Harz eines der furchtbarsten Konzentrationslager zur Herstellung von Düsenjäger und Raketen-Teilen errichten ließ. Kammler holte Kiefer in das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS, das unter anderem den Betrieb der Konzentrationslager organisierte und bis zum Oktober 1944 massenweise KZ-Häftlinge als Sklavenarbeiter in die Rüstungsindustrie verlieh. In dieser Mammut-Behörde brachte der Kempener es als Leiter der Abteilung C 2 Sonderbauaufgaben zum SS-Obersturmbannführer (30. Januar 1944). Seine hauptsächliche Tätigkeit bestand wohl in der Mitwirkung bei der Erweiterung des deutschen Lebensraums auf den Osten. Danach sollten deutsche und germanische Siedler den Osten Europas besiedeln und beherrschen. Einheimische Bevölkerung, die dabei im Wege sein würde, sollte deportiert oder umgebracht werden. Kiefers Aufgabe wird die Planung von SS- und Polizeistützpunkten im neuen Ostraum gewesen sein, von denen aus die einheimische Bevölkerung in Schach gehalten werden sollte.
Mit eigener Hand hat Max Kiefer sicherlich keinem Menschen etwas angetan, hat sicherlich auch nicht unmittelbar den Tod anderer veranlasst. Aber er hat höchstwahrscheinlich bei der Vorbereitung von Projekten mitgewirkt, deren Verwirklichung die Deportation von Millionen und den Tod Unzähliger bedeutet hätte. Bei Projekten wie dem im Winter 1941/42 aufgestellten Generalplan Ost, der vorsah, im Rahmen der Germanisierung des Ostens 31 Millionen Menschen der Bevölkerung der besetzten Gebiete zu vertreiben oder zu ermorden. Er war das, was man einen Schreibtischtäter nennt – doch konnte nicht nachgewiesen werden, dass sein Tun noch konkrete Auswirkungen hatte. Wohl trägt der Entwurf einer Krankenbaracke für das KZ Auschwitz seine Unterschrift. 1947 wurde er in Nürnberg mit anderen Mitarbeitern des SS-Hauptamtes wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, am 30. April 1949 jedoch zu 20 Jahren begnadigt und – auf Betreiben der Kirchen, zahlreicher Politiker und der Regierung Adenauer - am 31. Januar 1951 freigelassen. Da er nun als ehemaliger Kriegsgefangener galt, erhielt der Baurat i. R. Max Kiefer aufgrund seines im Dritten Reich erdienten Dienstgrades künftig eine Pension. (43)
Fazit: Während des Zweiten Weltkrieges haben sicherlich auch Kempener Verbrechen an Menschen und gegen die Menschlichkeit begangen - etwas anderes anzunehmen, wäre blauäugig. Doch sollten mit dem Tod die Schuldzuweisungen aufhören, wenn die Schuld sich in einem begrenzten Rahmen hält. Dazu kommt noch etwas anderes. Man sollte berücksichtigen, dass solche Täter auch Opfer waren – beeinflusst von einem verbrecherischen Regime, das durch seine Propaganda in den Menschen planmäßig Aggressionen aufbaute und diese dann in eine bestimmte Richtung lenkte. Bei einem Teil der gefallenen Kempener Soldaten ist auf ihren Totenzetteln sogar vermerkt, dass sie dem Kampf fürs Vaterland … mit Begeisterung nachgingen.
Im sicheren Schoß einer gefestigten Demokratie und verwöhnt vom Standard einer satten Friedensgesellschaft fällt es uns heute leicht, den Menschen, die unter dem NS-Regime lebten, Fehlverhalten unter seinem Einfluss vorzuwerfen. Doch sollten wir Folgendes bedenken: In die Unmenschlichkeit dieses Systems verstrickt zu werden, konnte ein schleichender, ein unmerklicher Vorgang sein. Das gilt auch für die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Die Dauerpräsenz von Tod und Gewalt verändert den Menschen. Kommt dazu eine Propaganda, die den Gegner nur noch als Objekt der Vernichtung darstellt, können aus ganz normalen Männern Tötungsmaschinen werden, und selbst brave Familienväter verlieren ihre Hemmungen. „Nicht im Menschen ist die Moral begründet, die sein Handeln bestimmt, sie liegt in den Strukturen, die ihn umgeben.“ (44)
So kommt es zu einer Verschiebung der moralischen Wertvorstellungen, und andere zu töten wird zu einer „höheren Moral“. In diesem Sinne ist es legitim, gefallene Soldaten als Kriegsopfer zu ehren, auch wenn von ihnen anzunehmen ist, dass sie mit Überzeugung einem verbrecherischen System gedient haben. Dessen wahren Charakter haben sie wohl kaum durchschaut.
Diese Überlegungen sollte man im Kopf haben, wenn man im Folgenden die Schicksale Kempener Kriegsopfer nachliest. Jedem der drei Abschnitte sind zunächst die biographischen Daten vorangestellt, wie man sie aus den üblichen Verzeichnissen kennt. Dann aber entrollen sich die Schicksale der Menschen.


3. Einzelschicksale
3.1. „Ich bin stolz, unter diesen Runen zu dienen."
SS-Kanonier Hans Kaysers im Winter 1943/44, aufgenommen in Belgien – ein halbes Jahr vor seinem Tod.

SS-Kanonier Hans Kaysers, Kempen, Eupener Str. 18, geboren am 13. Februar 1926, von einem alliierten Jagdbomber getötet in der Normandie am 11. Juni 1944.
1943 findet für jeden sichtbar die endgültige Wende des Zweiten Weltkrieges statt. Am 23. Januar verkündet auf der Konferenz von Casablanca der amerikanische Präsident Roosevelt, dieser Krieg könne nur mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands beendet werden. Anfang Februar geht bei Stalingrad eine ganze deutsche Armee zugrunde. Die deutsche Führung erkennt, dass der Krieg nur noch durch ungewöhnliche Anstrengungen glimpflich ausgehen kann. Um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken, hält Propagandaminister Josef Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 eine Massenkundgebung ab. Seine Rede ist eine Antwort auf die Forderung der Alliierten nach der bedingungslosen Kapitulation. Geschickt peitscht der gewiefte Propagandist die Menge dazu auf, dass sie mit hysterischem Geschrei den „totalen Krieg“ fordert. Goebbels legt in einem raffinierten Frage- und Antwort-Spiel den vor Begeisterung trunkenen Menschen die erwarteten Parolen in den Mund. Als er anschließend im vertrautesten Kreis Atem holt, flüstert der Meister der Menschenverachtung erschöpft vor sich hin: „Diese Stunde der Idiotie! Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock… sie hätten es auch getan.“ Die Veranstaltung liefert das Startzeichen zur totalen Mobilmachung sämtlicher materieller und personeller Ressourcen im ganzen Reich, wie sie Hitler bereits in einem Erlass vom 13. Januar in die Wege geleitet hat.
Eine von zahlreichen Maßnahmen ist die Aufstellung einer SS-Division aus Mitgliedern der Hitlerjugend, Jahrgang 1926. Nach der Ausrufung des „totalen Krieges“ sollen militärisch vorgebildete Jugendliche die Opferbereitschaft der deutschen Jugend zum Ausdruck bringen. Am 10. Februar 1943 gibt Hitler seine Zustimmung und ordnet die sofortige Anwerbung von Freiwilligen an. (45)
Einer, der sich daraufhin freiwillig zu diesem neuen Kampfverband meldet, ist der junge Kempener Hans Kaysers, der aus einer gutbürgerlichen Familie stammt. Der Vater versieht als uniformierter Eisenbahner seinen Dienst an den Blockstellen und Stellwerken der Industriebahn zwischen Voesch und der Vorster Straße, ist aber, obwohl im öffentlichen Dienst, kein NSDAP-Mitglied. Die Mutter versorgt, wie damals üblich, Familie und Haushalt. (46)
Im Mai 1943 - Hans Kaysers ist vor zwei Monaten 17 geworden – findet im Kempener Hof an der Kuhstraße eine Werbeveranstaltung für freiwillige Meldungen zum Militärdienst statt. Stramm in Schützenreihe, d.h. im Gleichschritt und einer hinter dem anderen, unter Kommandos wie: „Vordermann! Finger lang!“ marschieren die Kempener Hitlerjungen in das Lokal. Drinnen im Saal stellen Offiziere der SS, der Luftwaffe, der Marine und einer Reiterdivision des Heeres den Jungs die Vorzüge des Dienstes in ihren Einheiten vor. Am Ausgang stehen Stände mit gedrucktem Informationsmaterial, und auf bereit gestellten Tischen liegen Meldeformulare zum Ausfüllen. (47)
Hier wird sich der junge Kempener zum Dienst in dem neuen Kampfverband, der den Beinamen Hitlerjugend tragen soll, gemeldet haben. Kaysers ist in der Kempener HJ Mitglied der Feuerwehr-Gefolgschaft und tut mittlerweile seine Pflicht als regulärer Feuerwehrmann. Sicher hat man ihn beim Dienst in der HJ für den Militärdienst begeistert, hat vom heroischen Kampf für Volk und Vaterland gesprochen. War er deshalb ein Jung-Nazi? Bestimmt nicht. „Es ging kaum einer dieser Siebzehnjährigen aus nationalsozialistischen Motiven zur Waffen-SS“, hat später der bekannte Journalist und Filmemacher Wolfgang Venohr fest gehalten, der selbst zweieinhalb Jahre SS-Soldat war. „Man wollte zu einer militärischen Eliteeinheit, das war das Ziel.“ (48)
In der Tat wird der Anteil der weltanschaulichen Schulung in der Waffen-SS heute meist überschätzt. Das Selbstverständnis dieser Truppe machten andere Elemente aus: Ein Korpsgeist, der den Einzelnen völlig vereinnahmte; höchster militärischer Leistungswillen und todesverachtende Opferbereitschaft.
Zum Dienst in dieser SS-Division muss man damals als Infanterist mindestens 170 Zentimeter, in den anderen Verbänden (Panzer, Flak etc.) 168 Zentimeter groß sein, körperlich und seelisch belastbar und über einen Arier- Nachweis verfügen. Die Reichsführung der Hitlerjugend soll 30.000 Hitlerjungen stellen, von denen nach entsprechender Überprüfung durch die Ergänzungsstellen der Waffen-SS 18.000 für den Dienst in der neuen Division ausgewählt werden sollen. Drei Tage lang – vom Sonntag, 16., bis Dienstag, 18. Mai 1943, wird Hans Kaysers auf seine Eignung überprüft; nach außen wird der Test als Luftschutzübung dargestellt. (49)
Am 29. Mai erfolgt die ärztliche Untersuchung, die Musterung. (50)
Am 1. Juli beginnt in Berlin, in der Kaserne Lichterfelde, dem Stammquartier der SS-Leibstandarte Adolf Hitler, ein Aufstellungsstab der neuen SS-Division, die Freiwilligen zu registrieren. Die Planung sieht eine sechswöchige vormilitärische Ausbildung vor. (51)
Aber diese Zeitvorgaben können nicht immer eingehalten werden; in der Hast der Aufstellung kommt es zu Notlösungen. Nur drei Wochen lang – vom 4. bis zum 24. Juli - absolviert Hans Kaysers seine vormilitärische Ausbildung durch SS-Ausbilder im Wehrertüchtigungslager Sügraal. Voller Erwartung nimmt er seinen Tornister, Brotbeutel und Ziehharmonika mit. Es ist eine Art Praxistest. Kaysers besteht ihn mit Bravour. In seinem ersten Brief nach Hause schreibt er, dass es ihm dort ganz ausgezeichnet gefalle. (52)- Diese Einstellung kann heute kein Grund sein, ihn zu verurteilen, denn sie zeigt die Problematik der meisten Menschen in jener Zeit – vor allem der jungen, die noch wenig Lebenserfahrung haben und deshalb besonders anfällig für bestimmte Einflüsse sind. Ein Jugendlicher, der gerade 17 geworden ist, steht in einer Lebensphase, in der er sich beweisen will und nach Zielen sucht. Er hat noch kein geschlossenes Weltbild entwickelt und ist deshalb den Auswirkungen einer geschickten Propaganda relativ hilflos ausgeliefert. Es wäre naiv, wollte man von ihm erwarten, dass er die Folgen eines solchen Schrittes beurteilen kann.
In Verstrickungen wie der Kempener Hans Kaysers sind auch andere geraten – Männer, die später zu moralischen Instanzen und Aushängeschilden unseres Landes wurden. Man denke nur an die Diskussion, die im August 2006 der Literat und Nobelpreisträger Günter Grass lostrat, als er bekannte, dass er ebenfalls mit 16/17 Jahren der Waffen-SS angehörte. Der renommierte Historiker Arnulf Baring hat in dieser Affäre die Chance für einen Erkenntnisgewinn sehen können: Sie könne „zu einem besseren Verständnis des Dritten Reiches“ beitragen: „Nicht jeder, der in der NSDAP oder gar der Waffen-SS war, muss verbrecherische Ziele verfolgt haben.“ (53)
Als Hans Kaysers am Mittag des 24. Juli bei seiner Familie in Kempen zurück aus der Wehrertüchtigung eingetroffen ist, schnarcht er erstmal wie ein Bär, wie seine Schwester schreibt: „Es hat ihm sehr gut gefallen – trotz des furchtbar strengen Dienstes. Und um zwei Uhr heute morgen mussten sie schon aus den Betten.“ Am 10. Oktober 1943 wird er schließlich eingezogen – als Rekrut der neuen SS-Panzergrenadierdivision Hitlerjugend. (54)
Bald erhält die Familie die ersten Feldpostbriefe des Sohnes. Seinen genauen Standort darf Hans Kaysers nicht mitteilen, doch schreibt er, dass er bei Prag liege. (55)
Er muss also zur infanteristischen Grundausbildung zum Ausbildungs-Regiment Prag der Waffen-SS gekommen sein, die damals unter anderem in Mielowitz und Beneschau die Truppenübungsplätze Böhmen unterhielt. (56)
Ein Ausnahmefall bei der Ausbildung der neuen Division, denn deren Einheiten entstehen größtenteils um den belgischen Truppenübungsplatz Beverloo 72 Kilometer südöstlich von Antwerpen. - Die Kameradschaft und das Elite-Bewusstsein seiner Einheit begeistern die jungen Soldaten, aber auch die ganz auf die Jugendlichen zugeschnittene Ausbildung, die letztendlich auf Zielvorstellungen der deutschen Jugendbewegung beruht. Hier herrscht keine Kommiss-Atmosphäre. Kasernenhofdrill ist auf ein Minimum reduziert, die Jugendlichen werden ernst genommen. Die Vorgesetzten verstehen sich als Vorbilder und Vertrauenspersonen; eingehend erläutern sie – ganz anders als bei der Wehrmacht üblich – ihre Befehle. Bis zum 18. Lebensjahr werden Zigaretten durch Süßigkeiten ersetzt.
Bevor Hans Kaysers im November nach Beverloo verlegt wird, wo die Panzergrenadier- in eine Panzerdivision umgegliedert wird, äußert er in einem Brief, dass er nicht mehr ins Zivilleben zurück möchte. (57)
Am 30. Januar 1944 schreibt er seinem Schwager, dem Wachtmeister Heinz Westphal, dass er seinen Dienst „mit Freude versieht“. Ein Dienst, der hart ist, denn jeden Abend ist Appell, d.h. Musterung der Ausrüstung und Bekleidung, und “da kommt es auf jedes Eckchen an." (58)
Er dient nun in der 9. Batterie/ III. Abteilung des SS-Panzer-Artillerie-Regiments 12 in Mol bei Beverloo. (59)
Bald avanciert er zum Kraftfahrer. Mitte März 1944 erhält seine Batterie bei einer Besichtigung durch den Oberbefehlshaber West, den Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, ein hohes Lob, weil sie vom ganzen Regiment die beste Leistung gezeigt hat. (60)
Nun kennt seine Begeisterung keine Grenzen mehr. Stolz schreibt er: „Bei der Besichtigung habe ich gesehen, daß man Hitlerjungen von 16, 18 und 19 Jahren zu Männern gemacht hat, die etwas zu leisten vermögen und deren Härte kaum zu brechen ist. Du kannst dir denken, liebe Schwester, dass ich stolz bin, bei der H.J.-Division zu sein.“ (61)
Wie kann er ahnen, dass die Hitlerjugend-Division vier Monate später bei der Invasionsschlacht in der Normandie bis auf die Stärke eines Bataillons ausbluten wird; dass im September 1944 von ihren 20.150 Mann nur noch 2.000 übrig sein werden?
Denn ihre nationalsozialistische Erziehung, ihr Idealismus und schließlich die Prägung durch die Waffen-SS hat die Jugendlichen mittlerweile zu fanatischen Kämpfern gemacht, die ihr eigenes Leben gering schätzen und das der feindlichen Soldaten erst recht. Jede Woche erhalten die jungen Soldaten eine Parole wie „Deutschland braucht Lebensraum“; deren Inhalte werden ihnen in Schulungsstunden, aber auch beim Flaggenappell oder in den Ausbildungspausen eingehämmert. (62)
Als ihr Kommandeur, der SS-Oberführer Kurt Meyer, sie später dazu auffordern wird, keine Gefangenen zu machen, werden einige von ihnen den unmenschlichen Befehl befolgen; bei den Kämpfen in der Normandie werden Angehörige dieser Division am 7. Juni 1944 20 kanadische Kriegsgefangene ermorden. (Wobei der Fairness halber nicht verschwiegen werden darf, dass es beim Kampf um die Normandie alliierte Einheiten gab, bei denen die Erschießung gefangener SS-Männer zur Routine gehörte.) (63)
Die Todesbereitschaft der jungen SS-Soldaten wird so stark sein, dass sie unter feindlichem Beschuss in ihren Deckungslöchern das Lied der Hitlerjugend („Unsere Fahne flattert uns voran…“) singen werden, dessen Refrain lautet: „…Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit. Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!“ (64)
Die Alliierten haben die Einheit bis dahin als Baby-Division verspottet; jetzt urteilt der englische Feldmarschall Montgomery: „Eine üble Rotte von Bastarden, aber Soldaten sind sie. Dagegen sind wir reinste Amateure.“ „Es ist ein Jammer“, befindet selbst der Oberbefehlshaber im Westen, Gerd von Rundstedt, „dass diese gläubige Jugend in aussichtsloser Lage geopfert wird.“ Ähnlich sind schon anfangs des Ersten Weltkrieges Studentenregimenter mit dem Deutschlandlied auf den Lippen auf die feindlichen Kanonen im belgischen Langemarck zugestürmt, von denen damals nur wenige Mann überlebten. Damals wie jetzt gläubig, verführt und – im Dritten Reich – durch die geschickte Erziehung eines totalitären Regimes zusätzlich fanatisiert.
Hans Kaysers bekommt noch eine Spezialausbildung: Er soll in der Instandsetzungsstaffel seiner Batterie im Artillerieregiment der Hitlerjugend eingesetzt werden und nimmt deshalb in Weimar an einem sechswöchigen Kraftfahr-Lehrgang für den Führerschein Klasse I teil. (65)
Währenddessen wird seine Division nach Caen in die Normandie verlegt. Aber Angehörige der französischen Widerstandsbewegung unternehmen einen Sprengstoffanschlag auf einen ihrer Transportzüge. Daraufhin ermorden im französischen Ascq bei Lille Soldaten der SS-Division auf Befehl ihres Leutnants in einem Vergeltungs-Massaker in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1944 86 Zivilisten. Ob Hans Kaysers, wenn er damals anwesend gewesen wäre, mitgeschossen hätte? Wir sollten uns da keine Illusionen machen. - Vom 23. bis zum 29. Mai weilt der junge SS-Kanonier noch einmal auf Urlaub in Kempen. (66)
Dann fährt er nach Frankreich in sein Einsatzgebiet an den Atlantikwall. Er hat noch zwölf Tage zu leben.
Am 11. Juni 1944, fünf Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, kämpfen sich kanadische und englische Truppen in verlustreichen Gefechten auf Caen vor, um das Höhengelände um Villers-Bocage zu nehmen. Schiffsgeschütze, Artillerie und vor allem die Tiefflieger der Alliierten halten die Einheiten der Division Hitlerjugend unter ständigem Beschuss. (67)
An diesem Tag stirbt Hans Kaysers im Hinterland der Invasionsfront. Er ist gerade mit seinem Schirrmeister unterwegs, als er bei Ussy – zehn Kilometer nordwestlich Falaise – von einem Tiefflieger erschossen wird. Erst elf Monate nach seinem Tod – am 13. Februar 1945 – wäre er 19 geworden.
Seine Familie muss auf die Nachricht vom Ableben des einzigen Sohnes lange warten. Am 22. Mai hat Hans zum letzten Mal einen Brief nach Hause geschickt. Wochen vergehen, und es kommt keine Nachricht mehr. Mehrere Briefe der Familie an ihn und an Freunde von ihm bleiben ohne Antwort. Als die Kaysers die Ungewissheit nicht mehr aushalten, schreibt der Vater am 31. Juli an Hans’ Einheit um Auskunft, (68)aber die bleibt aus. Erst ein Zufall macht die Befürchtung zur Wahrscheinlichkeit: Hans Kaysers’ Tante, wohnhaft in Straelen, bekommt einen an ihn persönlich gerichteten Brief zurück mit dem handschriftlichen Vermerk: „Zurück! Empfänger gefallen für Großdeutschland.“(69)
Der Grund: Die Tante trägt nicht den Familiennamen Kaysers, und an die Familie wurde die Todesnachricht möglichst lange zurückgehalten, um in der Heimat keine Erbitterung über die hohen Verluste aufkommen zu lassen. Erst am 29. September 1944 – viereinhalb Monate nach Hans’ Tod – trifft in Kempen die amtliche Benachrichtigung ein. (70)


3.2. „Wer Gott vertraut…“

Leutnant Franz Mülders, Kempen, Möhlenring 19, geboren am 23. Juli 1923, am 11. Januar 1945 in Ungarn von russischen Soldaten ermordet.
Auf besonders grausame Weise stirbt Franz Mülders, Sohn des Kempener Studienrates Franz Mülders und seiner Frau Elke Bocksteger. 1940 hat er das Abitur am Thomaeum abgelegt und sich als Student an der Uni Bonn immatrikuliert. Aber die Einberufung zum halbjährigen Arbeitsdienst (RAD) und dann zur Wehrmacht (4. Dezember 1940) verhindern das Lehrer-Studium.
Franz Mülders' Totenzettel
Als er am 22. Juni 1941 im Verband einer Wehrmachtsdivision die Grenze nach Russland überschreitet, fehlt ihm noch ein Monat bis zum 18. Geburtstag (23. Juli). Mülders macht den Russland-Feldzug bis zum Ende mit. Im Winter 1942 erwischt ihn ein Armschuss; im Reserve-Lazarett XXI in Wien kuriert er die Verwundung aus. Er erhält das Eiserne Kreuz und wird nach bestandenem Offizierslehrgang 1943 zum Leutnant befördert. Mülders dient in wechselnden Funktionen, zunächst in der Kampfschule seiner Division, dann als Stellvertretender Chef der Stabskompanie seines Bataillons. Schließlich führt er einen Zug mit Panzerabwehrkanonen ausgestatteter Panzerjäger. Aber er ist kein grimmiger Krieger. Die Briefe, die er in diesen Jahren an sein liebes Cousinchen Liesel, genannt Like, Cobbers in Kempen schreibt, (71)zeigen ihn als humorvollen, hilfsbereiten jungen Mann mit hoch entwickeltem Familiensinn, der sich oft nach Zuhause sehnt: „Ich kann es mir nicht verkneifen, ein wenig Heimweh zu haben“, kündet er aus dem RAD-Lager. Zwei Jahre später wird er im Lazarett träumen: „Wie schön wäre es, jetzt in Kempen leckere Krinteböllkes zu schmausen.“ Der Cousine gegenüber bezeichnet er sich als der lange Vetter. Auch im Umgang mit der russischen Bevölkerung ist er wohl freundlich gewesen; Bilder aus dem Familienalbum zeigen ihn im munteren Gespräch mit russischen Frauen, die ihn unter ihren Kopftüchern hervor fröhlich anlachen. Halt gibt ihm sein Glaube, ungekünstelt und echt. Drei Tage vor Weihnachten 1941 zitiert er im Brief aus Russland einen alten Leitspruch für Soldaten, den er nun bei sich trägt: „Wer Gott vertraut, der wird beschützt,/wie sehr des Feindes Donner blitzt. Wer sich getrost auf Gott verlässt/der ist für Feindes Waffen fest.“
Feindes Waffen haben ihn trotzdem getötet. Im Januar 1945 steht Franz Mülders mit seinem Panzergrenadierregiment 112 in Nordungarn im Abwehrkampf gegen die Russen. Das 1. Bataillon, zu dem er gehört, unternimmt am 11. Januar einen Angriff auf das Dorf Perbete, muss ihn aber abbrechen. Beim Rückzug stellt sich heraus, dass der Zug des Leutnants Mülders fehlt. Vier Tage später wird Perbete bei einem erneuten Angriff der Deutschen dann erobert.
In seinem Brief an die Eltern hat Franz Mülders’ Regimentskommandeur seine Eindrücke in der zurückgewonnenen Ortschaft geschildert: Beim Einrücken empfangen die Einwohner die Deutschen als Befreier. Die Mehrzahl der ungarischen Frauen ist von russischen Soldaten vergewaltigt worden, sechs von ihnen haben sich anschließend „aus Gram über die Schande“ erhängt. Auf dem Friedhof liegt die Leiche von Franz Mülders. Man hat den Toten ausgeplündert; die Offiziershose und die Stiefel fehlen. Der Kempener hat aus nächster Nähe einen Genickschuss bekommen. Dorfbewohner berichten, er und drei seiner Männer seien „mit erhobenen Händen“ von russischen Soldaten auf den Friedhof geführt und dort erschossen worden. (72)
„Mit unserem Jung’ haben wir alles verloren“, stellen seine Eltern in ihrer Todesanzeige vom 1. Februar 1945 fest.
1995 wurden Franz Mülders Überreste mit denen von 400 anderen deutschen Soldaten exhumiert – die Gräber waren bis zur Unkenntlichkeit verwahrlost – und auf den deutschen Soldatenfriedhof Vazec/Mittelslowakei am Rande des Nationalparks Hohe Tatra überführt. (73)

3.3. Mit dem toten Körper den Enkel gerettet

Eheleute Josefa Büskens, geboren am 14. Februar 1889, Hermann Büskens, geboren am 8. Februar 1887, und ihr Sohn Franz Büskens, geboren am 27. Juni 1920, alle drei wohnhaft in Kempen, Möhlenring 15 und umgekommen beim Bombenangriff vom 10. Februar 1945.
Beim Bombenagriff auf Kempen am 10. Fe­bru­ar 1945 kamen Klaus und Brigitte Büs­kens mit Brandwunden davon. Klaus Büskens, an­dert­halb Jahre alt, überlebte da­durch, dass der Körper seiner toten Groß­mut­ter unter den Trümmern über ihm lag und ihm damit Schutz gegen einstürzende Beton- und Stahlteile ge­bo­ten hatte.

Als im Februar '45 der linke Niederrhein Frontgebiet wird, bringt das Heranrücken der Amerikaner und Engländer den kleinen, mittelalterlichen Städten Tod und Vernichtung aus der Luft. (74)
In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar legen englische Lancaster-Bomber Kleves Innenstadt in Schutt und Asche; Kleve ist nun stärker zerstört als jede andere deutsche Stadt vergleichbarer Größe zu irgendeinem anderen Zeitpunkt des Krieges. (75)
Am 9. Februar wird Viersen Opfer eines schweren amerikanischen Luftangriffs. (76) Am nächsten Tag - Samstagnachmittag, 10. Februar, greifen um 15 Uhr 36 zweimotorige amerikanische Mittelstreckenbomber vom Typ Martin Marauder Kempen an. (77)
Sehr wahrscheinlich war die Attacke „nur“ ein Scheinangriff, der die deutsche Führung vom Vorrücken der Engländer und Kanadier bei Kleve ablenken sollte. Aber er forderte 88 Men­schen­leben.
Bei diesem Angriff ist neben vielen anderen Kempener Häusern das Hofgebäude des Koh­len­händler Büskens dem Erdboden gleich gemacht worden. Die Nachbarn und die beiden Last­wa­gen­fahrer der Firma versuchen fieberhaft, die unter den Trümmern Verschütteten zu retten. (78)
Im vorderen Haus, dessen schmucke Straßenfront zum Möhlenring heute noch zu bewundern ist, hatte Hermann Büskens sein Lager und das Geschäft. Im Hinterhaus waren das Büro und ein Teil der Wohnräume für die Eltern und die Tochter Elisabeth (damals 28) und den Sohn Franz (24) untergebracht. Am Vormittag dieses 10. Februar ist Elisabeth Büskens' Schwägerin Hedwig nach einer dreitägigen Flucht aus Gablonz in Schlesien, wo ihr Mann Christian bei der Luftwaffe stationiert ist, mit ihren beiden Kindern Brigitte (3) und Klaus (1) in Kempen angekommen. In Hüls ist ihr der Kinderwagen zerbrochen, und sie musste schauen, wie sie die Kleinen und die Koffer ohne das Gefährt nach Kempen bekam. Ein Pkw-Fahrer, der ihre Schwiegereltern gut kennt, hat dann aber angehalten und sie mitgenommen.
Die dreijährige Brigitte Büskens wurde durch die einstürzende Außenwand des Hofgebäudes Möhlenring 15 schwer verletzt.

Großvater Hermann Büskens und seine Frau Josefa (55) haben sofort die erschöpften Kleinen versorgt und sie zum Schlafen in den ersten Stock des Hinterhauses gebracht. Als dann um 15 Uhr die Sirenen heulen, laufen beide nach oben, um die Enkel in Sicherheit zu bringen. Ihre Hilfsbereitschaft wird ihnen zum Verhängnis. Als Josefa Büskens und die Tochter Elisabeth, jede ein Kind auf dem Arm, die Treppe nach unten stürzen, fallen die Bomben. Bei der Explosion eines Badeofens erleiden die Kinder schwere Brandwunden. Das Ehepaar stirbt auf dem Fluchtweg. Elisabeth Büskens wird von einer einstürzenden Betondecke begraben, aber sie lebt. Ihr Bruder Franz hat gerade die Koffer seiner Schwägerin Hedwig in den Hausflur gebracht; dort wird er von den Haustrümmern erschlagen.
Elisabeth Büskens Ehemann Gottfried Schönmackers (38) zerrt seine Schwägerin, die erschöpft eingeschlafen ist, vom Sofa und bringt sie in den Keller des Vorderhauses. Dort überlebt Hedwig den Angriff. Gottfried läuft sofort wieder nach oben, um auch die anderen in den sicheren Keller zu bringen, kommt aber nur bis auf den Hof, wo er vor den fallenden Bomben hinter einer Mauer in Deckung geht. Das rettet ihm das Leben.
Auf dem Hof wird der Kempener Milchhändler Josef Klümpen (39), Möhlenring 29, getötet. Seit die Molkerei an der St. Huberter Straße zerstört worden ist, liefern die Bauern ihre Milch im Haus des Kohlenhändlers ab; Klümpen hat dort auf seine Lieferanten gewartet, wollte die Milch in Empfang nehmen, um sie anschließend wie immer von Tür zu Tür zu bringen. Seine Frau ist im Kellereingang verschüttet worden, wird aber geborgen und kommt mit dem Leben davon.
Nach anderthalb Stunden mühsamen Räumens finden die Nachbarn Elisabeths Mutter, die tote Josefa Büskens. Sie liegt noch auf dem kleinen Klaus, den sie auf dem Arm getragen hat. Die Deckung ihres Körpers hat dem Kind das Leben gerettet. Auch die dreijährige Brigitte, die Elisabeth Büskens getragen hat, wird lebend geborgen. Als die Außenwand des Hauses, hinter der sie sich befand, bei der Explosion zerstört wurde, ist auf das Mädchen nur relativ leichter Schutt gefallen. Die Tochter Elisabeth aber liegt drei Stunden unter schweren Betonteilen eingezwängt, bis sie schließlich von Ehemann Gottfried Schönmackers (38) aus den Trümmern hervorgezogen wird. - Erst am darauf folgenden Sonntag, 11. Februar, bergen Kempener Rotkreuzhelfer zusammen mit Männern der Schmalbroicher Feuerwehr (zum Beispiel mit Heinrich Bongartz sen.) die Leichen von Hermann Büskens und seinem Sohn Franz. (79)
Elisabeth Büskens wird ins Kempener Krankenhaus gebracht. Ihr Bruder Christian, Kampfflieger bei der Luftwaffe, liegt zu dieser Zeit nach einer Verwundung, die sein linkes Auge blind gemacht hat, in Schlesien im Lazarett. Der andere Bruder, Willi, ist erst acht Tage vorher auf einen kurzen Urlaub nach Kempen gekommen, ist jetzt aber wieder an der Front und auf dem Rückzug seiner Panzereinheit unerreichbar. So kann keines der Geschwister am Begräbnis der Eltern und des Bruders teilnehmen. Drei Tage nach dem Angriff flüchtet sich die Familie nach Schmallenberg ins Sauerland. Dort sieht Christian Büskens, den man trotz Urlaubssperre hat fahren lassen, seine Frau Hedwig und seine Kinder wieder.


Quellenangaben:
  1. KAV, A III 20 (Sammlung Böttges) 37.
  2. Eine genauere Zahl ist nicht verfügbar. 1938 war im Zuge der Wiedereinführung der Wehrpflicht in der Villa Horten ein Wehrmeldeamt untergebracht worden, zuständig für den Landkreis Kempen-Krefeld, das mit dem Wehrmeldeamt Krefeld dem Wehrkreiskommando Krefeld unterstand – als Teil des Einberufungssystems im Wehrkreis VI – Münster. Nach Bombenschäden wurde es Anfang Dezember 1944 in der St. Huberter Knabenschule untergebracht und wird vor dem Einrücken der Amerikaner (3. März 1945) seine Aktenbestände befehlsgemäß vernichtet haben.
  3. Hubert Brünen arbeitete nach einer Verwaltungslehre in Oedt und nach Kriegsdienst und Gefangenschaft seit Oktober 1948 bei der Stadtverwaltung Kempen. 18 Jahre war er Leiter des Sozialamtes und engagierte sich bereits während dieser Zeit für das Zustandekommen der drei Kempener Städtepartnerschaften und die Dokumentation der Kempener Kriegsopfer. 1967 übernahm er das Haupt- und Personalamt und ging zum 31. Dezember 1981 in den Ruhestand. (Rheinische Post vom 19.12.1981) Er verstarb im Februar 2001. (Ebd. vom 20. Februar 2001)
  4. Aufbewahrt vom Kulturamt der Stadt Kempen. Die Liste ist als Tabelle mit verschiedenen Spalten gestaltet, in denen Kreuze ausweisen, ob der Genannte zur Zeit seiner Einberufung oder in seinem Todesjahr ein Kempener Bürger war, oder ob er, obwohl in Kempen ums Leben gekommen, einen anderen oder einen ungeklärten Wohnsitz hatte. Andere Rubriken merken an, ob es sich um einen Kriegstoten von Heimatvertriebenen oder von SBZ-Flüchtlingen handelt, um einen rassisch, politisch oder religiös Verfolgten oder einen Ausländer, um einen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter.
  5. Hans Kaiser, Jüdisches Leben in Kempen. Ein Überblick, in: Gerhard Rehm (Hg.), Adel, Reformation und Stadt am Niederrhein. Festschrift für Leo Peters, Bielefeld 2009, S. 241 – 275, hier S. 274 f.
  6. Veröffentlicht im Kirchlichen Anzeiger für die Diözese Aachen vom 1. November 1939 (9. Jahrgang Stück 25). Die daraufhin entstandene Kriegschronik Siepens ruht im Propsteiarchiv Kempen: Akten 4596.
  7. S. den Nachruf auf Paul Siepen in der Rheinischen Post, Lokalausgabe Kempen, 3. Dezember 1988.
  8. Propsteiarchiv Kempen: Siepen, Kriegschronik, S. 150 f.
  9. „Wo ihr auch ruhen möget, Brüder… vergessen seid ihr nicht.“ Verzeichnis aller aufgefundenen Soldatenfriedhöfe, auf denen in der Stadt Kempen und der Gemeinde Schmalbroich beheimatete Gefallene beigesetzt sind.
  10. Schreiben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die ich am 19. Mai 2011 als Fotokopie von Herrn Helmut Hermes vom Hauptamt der Stadt Kempen erhielt.
  11. Zu ihnen ausführlich Reinhard Schippkus, Hinrichtungen von Polen bei Kempen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in HBV 56 (2005), S. 159 – 175.
  12. Abbildungen von Heinz Grefermanns Leichnam und seines Grabkreuzes bei Jupp Pasch, Zwischen den Feuern. Mit den Augen eines Kindes, Krefeld 2004, S. 202/203.
  13. Daneben gibt es weitere Kriegsopfer, die zwar in Kempen umgekommen sind, aber woanders gemeldet waren, wie vier Handwerker aus Vorst, die am 18. November 1944 bei der Zerstörung der Gaststätte von Johann Peter Wefers, Bahnstraße (heute: Am Bahnhof) 13, in deren Keller getötet wurden. Vgl. den Nachlass Walter Böttges (KrAV: A III 20 Nr. 19) und die entsprechenden Eintragungen in den Sterberegistern 1944 des Kempener Standesamtes.

Angaben 14. bis 30. beziehen sich auf den Artikel "Ehrenmale" = siehe dort!
  1. KAV: Geschichts- und Museumsverein Nr. 2. Für den Hinweis habe ich dem Leiter des Kreisarchivs, Herrn Dr. Gerhard Rehm, zu danken.
  2. Kriegschronik der Stadt Kempen, Militärarchiv Freiburg: MSg 2/71, S. 12.
  3. Die Stadt Kempen am Niederrhein und die Gemeinde Schmalbroich von 1794 – 1945 (KAV: Ke I/87, S. 251. – Auf die Herausgabe dieser Stadtgeschichte setzte man damals in Kempen große Hoffungen: „Es bleibt zu wünschen, daß dieses volkstümliche Werk nicht in den Mauern des noch verwaisten Stadtarchivs als Manuskript vergilbt, sondern bald seinen Herausgeber finden wird.“ (Alex Schink, Gottfried Klinkenberg. Ein Leben für die Heimat, in: HBV 9 (1958), S. 97 – 99, hier S. 98.)
  4. Carl Hubbertz: Mein Bericht über Max Kiefer, Dezember 1975 (Fotokopie im Besitz des Verfassers), S. 1.
  5. Diese Angabe stammt aus der Erinnerung von Herrn Ferdinand Sturm, St. Peterallee 3, der von 1991 bis zu dessen Auflösung im Jahre 2003 Geschäftsführer des Kempener Heimkehrerverbandes war. Eine genauere Datierung ist zurzeit nicht möglich, da das Ehrenmal Ellenstraße nicht in der Denkmalliste der Stadt Kempen eingetragen ist.
  6. Vorlage war ein Relief des Bildhauers und Keramikers Fritz Theilmann (1902 – 1991), das 1954 im Krefelder Rathaus-Eingang am von-der-Leyen-Platz eingelassen wurde.
  7. Am 26. Mai 1994 hatte der Kempener Denkmal- und Gestaltungsausschuss den Antrag abgelehnt, die Aufschrift auf dem Block selbst zu ändern; stattdessen sollte die Anlage und ihre Geschichte durch ein Hinweisschild erläutert werden.
  8. Das Stadtfest am 17. September 1994 stellte den Höhepunkt eines eventreichen Festjahres zum Stadterhebungs-Jubiläum dar, da es mit rund 1.000 Teilnehmern die komplette Altstadt in eine historische Theaterbühne zur Stadtgeschichte verwandelte – die leider durch einen um 18 Uhr einsetzenden Dauerregen an Atmosphäre verlor.
  9. Brünen, Wo ihr auch ruhen möget, Brüder…, S. 4.
  10. Im folgenden schöpfe ich aus Mitteilungen und Unterlagen, die ich von Herrn Robert Koth, Kempen, St. Huberter Str. 61, erhielt.
  11. Sönke Neitzel/Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, München 2011.
  12. Jan Erik Schulte, Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS; Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933 – 1945, Paderborn, München, Wien, Zürich 2001, S. 469 f.; Marco Kieser, Eine Karriere im 20. Jahrhundert: Max Kiefer, in: Denkmalpflege im Rheinland 2004, Heft 4, S. 184 – 186; Marco Kieser/ Georg Lüdecke, Max Kiefer – ein Kempener Architekt in der SS, ebd. 2008, Heft 4, S. 162 – 164.
  13. Mitteilung von Georg Lüdecke, der im Bayerischen Hauptstaatsarchiv (Staatskanzlei 11536/2) die entsprechenden Unterlagen auffand.
  14. „Frauen, Kinder, alles.“, in: Der Spiegel Nr. 14/4.4.2011, S. 42 – 49, hier S. 49 anlässlich der Vorstellung des oben in Anm. genannten Buches von Neitzel und Welzer:.
  15. Kurt Meyer, Kriegsgeschichte der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“, Osnabrück 1982, S. 11.
  16. Diese und andere Informationen zur Familie Kaysers stammen aus einer Sammlung von 650 Briefen, die Hans Kaysers jüngere Schwester Marianne an ihren Verlobten, dann Ehemann Heinz Westphal schrieb. Ihrer Tochter, Frau Monika Westphal, Kempen, Eupener Str. 9, habe ich dafür zu danken, dass sie mir diese wertvolle und intime Quelle vertrauensvoll zur Verfügung stellte.
  17. Mitteilung von Erich Wüllems, Meisenweg 9, vom 26.08.2006.
  18. Deutsche Militärzeitschrift 1/2007, Sonderausgabe „Die Waffen-SS“, S. 29.
  19. „Mein Bruder muss Sonntag fort. Drei Tage. Sie sagen, es wäre Luftschutzübung. Aber sie werden ausgebildet für die SS. 168 cm groß müssen alle sein.“ Brief seiner Schwester Marianne Kaysers vom 13.05.1943.
  20. „Hans muss morgen fort zur Musterung.“ Brief seiner Schwester Marianne Kaysers’ vom 28.05.1943.
  21. Zum detaillierten Zeitplan der Divisionsaufstellung, der freilich nicht eingehalten werden konnte, vgl. Meyer, S. 12 f.
  22. Briefe seiner Schwester Marianne Kaysers vom 03.07., 06.07., 18.07., 23.07., 24.07. 1943.
  23. Westdeutsche Zeitung (S. 6) vom 15. August 2006.
  24. Hans Kaysers’ Zugehörigkeit zur 12. Panzer Division H.J. und den Namen seines Divisionskommandeurs Meyer nennt seine Schwester in einem Brief vom 28. Juni 1944.
  25. Das geht aus einer späteren Bemerkung seiner Schwester in einem Brief vom 1.12.1943 hervor, der sich auf den mittlerweile erfolgten Standortwechsel ihres Bruders bezieht:“ Er liegt im gelobten Land…Nur die Gegend ist das Gegenteil von Prag.“
  26. Zur Anlage des Truppenübungsplatzes Beneschau bei Prag vgl. Schulte, S. 318 Anm. 306; Detlef Brandes, Die Tschechen unter deutschem Protektorat, Teil I, München und Wien 1969, S. 323 f. Anm. 1255.
  27. Brief seiner Schwester Marianne vom 25.11.1943.
  28. Brief von Hans Kaysers vom 30.01.1944.
  29. Das geht aus seiner Feldpostnummer hervor. - Auskunft des Bundesarchivs Militärarchiv Freiburg vom 12. März 2007.
  30. Zu dieser Besichtigung Meyer, S. 22.
  31. Briefe von Hans Kaysers vom 23.03.1944 und seiner ihn zitierenden Schwester Marianne vom 30.03.1944.
  32. Christian Zentner, Die Landung in der Normandie, Rastatt 1998, S. 88.
  33. Michael Reynold, Ein Gegner wie Stahl. Das I. SS-Panzerkorps in der Normandie 1944, o. O. 2004, S. 90, wozu bemerkt werden muss, dass der Autor britischer General war.
  34. Wolfgang Paul, Der Heimatkrieg 1939 bis 1945, Augsburg 1999, S. 299.
  35. Brief von Hans Kaysers vom 08. 03.1944.
  36. Briefe von Marianne Westphal vom 23.05., 29.06.und 07.09.1944.
  37. Zu den Kampfhandlungen an diesem Tag vgl. Reynolds, S. 83 – 87; Meyer, S. 118 – 126.
  38. Brief von Marianne Westphal vom 01.08.1944.
  39. Brief von Marianne Westphal vom 25.08.1944.
  40. Brief von Marianne Westphal vom 29.09.1944. – Die Todesanzeige der Familie Kaysers „im November 1944“ zeigt Hans’ Bild mit dem Vermerk: „SS-Leibstandarte Adolf Hitler“. – Ein Irrtum, der wohl auf eine Bemerkung in seinem Brief vom 23.03.1944 zurückzuführen ist, dass er stolz sei, unter dem Zeichen der Schwesterdivision, der Leibstandarte Adolf Hitler zu stehen, womit deren SS-Runen gemeint sind.
  41. Die Briefe befinden sich mit Franz Mülders’ Fotoalbum im Besitz von Heinz Cobbers, Möhlenwall 5, und wurden mir am 21.07.2006 zur Auswertung anvertraut, wofür ich herzlich zu danken habe.
  42. Brief (beglaubigte Abschrift) vom 17.01.1945.
  43. Mitteilung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge an Ludwig Cobbers vom 10.12.1998.
  44. Einen guten Überblick im Wortsinne liefert der1984 in Kleve herausgebrachte Bildband von Rüdiger und Monika Gollnick: Zerbombt und zerschossen. Der Niederrhein 1944/45 (mit 370 Abbildungen).
  45. Denis und Shelagh Whitaker, Endkampf am Rhein. Der Vormarsch der Westalliierten 1944/45, Frankfurt a.M./Berlin 1994, S. 65.
  46. Klaus Marcus, Der große Krieg und die kleine Stadt, Viersen 1995, S. 668 – 677.
  47. Diese genauen Angaben über Zeitpunkt des Angriffs, Formation und Anzahl der Bomber verdanken wir Heinz Angenvoort, Oedt, Obertor 2, der zum Zeitpunkt des Angriffs an der Haltestelle, wo sich jetzt Schick am Ring befindet, auf den Omnibus wartete, der um 15 Uhr, von Wachtendonk kommend, über Oedt nach Süchteln abfahren sollte.
  48. Die Informationen zum Schicksal der Familie Büskens erfragte im Zuge der Vorbereitung der am 2. März 2005 von Realschülern unter meiner Leitung im Kempener Rathaus eröffneten Ausstellung „Kriegsende in Kempen“ Frau Vera Setzer, Mitarbeiterin des Ausstellungsteams, von Elisabeth Schönmackers geb. Büskens, Christian Büskens und Hedwig Büskens. Für diesen arbeitsaufwändigen und sachkundigen Einsatz habe ich ihr besonders zu danken. Ergänzungen teilte mir Elisabeth Schönmackers, Heyerdrink 4, in mehreren Telefongesprächen am 13. und 24.04.2006 mit.
  49. Mitteilung meines Freundes Rudi Körvers, Berliner Allee 11 a, vom 28.10.2004. Rudi Körvers verstarb am 9. Dezember 2005 im Kempener Krankenhaus.


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